Dark Tranquillity - Moment

Review

Soundcheck November 2020# 2 Galerie mit 20 Bildern: Dark Tranquillity - Tour 2019 in Heidelberg

Was wurde DARK TRANQUILLITY bereits in den letzten Jahren attestiert? Kollege Kostudis befürchtete in seiner Review zu „Construct“ beispielsweise, die Melo-Death-Urgesteine könnten „in der musikalischen Bedeutungslosigkeit“ versinken. Der Ausstieg der beiden Gründungsmitglieder Martin Henriksson bereits vor dem letzten Album „Atoma“ und zuletzt Niklas Sundin dürfte dann auch einige Fans dazu gebracht haben, einem neuen Album eher mit gemischten Gefühlen entgegen zu sehen. Was würden die beiden Neu-Gitarristen Johan Reinholdz und Chris Amott beizutragen haben? Verändert sich der Sound der Schweden nun komplett? Geht man gerade aufgrund der neuen Besetzung lieber auf Nummer sicher? Diese Fragen sollten auf „Moment“ nun endlich beantwortet werden – und natürlich auch in unserem Interview mit Mikael Stanne.

DARK TRANQUILLITY – Bis ins Letzte ausgearbeitete Melodien

Im Grunde gibt „Phantom Days“ bereits ein Stück weit die Marschrichtung vor, in die sich „Moment“ bewegt. Sicher keine der spektakulärsten Nummern der Platte, handelt es sich durchaus um einen typischen DARK TRANQUILLITY-Opener, der ordentlich nach vorne geht, aber im Vergleich mit „Encircled“ (auf „Atoma“) oder „For Broken Words“ („Construct“) die deutlich einprägsameren, ja besseren Melodien parat hat. Denn genau das ist der Fokus, den die Band auf „Moment“ offenbar gesetzt hat: Bis ins Letzte ausgearbeitete Melodien – sowohl für Gitarre als auch Gesang – die sich sofort im Gehör festsetzen können.

Mit „Transient“ und „Identical To None“ folgen zwei Tracks, die beide besonders in ihren Details überzeugen können, das gewisse Etwas haben, was sie nicht beliebig macht. Letztlich wiegen sie den Hörer aber noch ein wenig in Sicherheit, da sie sich noch am ehesten in gewohnten Sphären bewegen.

Das ist aber spätestens mit „The Dark Unbroken“ vorbei. Wenn ein fast 40jähriger bärtiger Mann (gemeint ist der Rezensent) ständig Gänsehaut bekommt, weil ein noch älterer bärtiger Mann (gemeint ist Mikael Stanne) einfach so schön singt, dass ersterem fast die Tränen in den Augen stehen, klingt das vielleicht erst einmal äußerst seltsam. Allerdings schafft Stanne hier tatsächlich eine ziemlich überraschende, deutliche Weiterentwicklung seines Klargesangs, die so wohl von kaum jemandem erwartet werden konnte. Sämtliche Scheuklappen wurden offenbar weggeworfen, fast alles ist erlaubt. Zu melodisch, zu „romantisch“? Egal. Der sympathische Fronter dominiert auf „Moment“ wie nur selten zuvor, wagt sich an neue ungewohnte Melodieführungen und legt einen starken Refrain nach dem anderen hin.

Von hymnisch bis garstig – vielschichtig und ausbalanciert

A propos: Die Kombination „guttural gesungene Strophe/klar gesungener Chorus“ wurde im Hause DARK TRANQUILLITY bislang erstaunlich selten eingesetzt, trägt hier aber essentiell zur Qualität des Albums bei. Wenn – wie viele vor vier Jahren behaupteten – der Titelsong von „Atoma“ bereits am Hymnen-Thron von „Misery’s Crown“ sägte, was tun dann Über-Hits wie „The Dark Unbroken“, „Standstill“ oder „The Truth Divided“?

Wer jetzt aber ein komplett weichgespültes Album erwartet, der liegt komplett daneben. „Moment“ ist vielschichtig und berücksichtigt praktisch alle bisherigen Schaffensphasen der Band seit „Projector“. Gerade nach dem melancholischen Mittelteil wird es mit „A Drawn Out Exit“ noch einmal richtig dunkel und garstig. „Failstate“ hätte im Grunde ohne Probleme auch auf „Damage Done“ funktioniert. Selbst für DARK TRANQUILLITY eigentlich völlig untypisches, wie die fröhliche, leicht folkige Melodie von „Empires Lost To Time“, findet auf dem Album Platz und fügt sich sogar perfekt in den – im Übrigen perfekt ausbalancierten und auf das Songmaterial ausgerichteten – Sound ein.

Die neue, stellenweise an DEPECHE MODE und THE CURE erinnernde Wave-Schlagseite, die zuletzt besonders in den beiden Bonus-Songs auf „Atoma“ zur Geltung kam, taucht ebenfalls wieder auf, dieses Mal aber in „The Truth Divided“ geschickt mit Gitarren und Schlagzeug kombiniert. Das Ergebnis: Einer der stärksten Songs – dank dem unfassbaren Gänsehaut-Refrain vielleicht sogar der stärkste Song – der Platte.

Zeigt, wie melodischer Todesstahl 2020 klingen muss – „Moment“

DARK TRANQUILLITY überwinden mit „Moment“ ein kleines Tal, schließen einen weiteren Erneuerungsprozess, der mit „Construct“ begonnen wurde, ab. Vielleicht waren es genau die Wechsel in der Besetzung und vor allem das deutliche Plus an Zeit für die Ausarbeitung des Materials, die bewirkten, dass DT wieder absolut auf der Höhe des Geschehens sind, obwohl sie ja eigentlich nie wirklich weg waren oder wirklich schlechte Alben veröffentlicht haben.

„Moment“ zeigt, dass der klassische Melodic Death Metal noch lange nicht tot ist. Es zeigt, wie melodischer Todesstahl skandinavischer Prägung 2020 klingen kann – vielleicht sogar klingen muss – um weiterhin relevant zu bleiben. Um deutlich zu machen, wie stark die Songs auf „Moment“ sind: Selbst eine Nummer wie „Remain In The Unknown“, die auf „Atoma“ ganz klar zu den Album-Highlights gezählt hätte, geht zwischen zwei Monstern wie „The Dark Unbroken“ und „Standstill“ fast schon ein wenig unter.

All diejenigen, die nach den letzten Alben mutmaßten, das DARK TRANQUILLITY nichts mehr zu sagen haben, werden hiermit eines besseren belehrt. Eines muss, bei aller Euphorie über dieses, der Perfektion verdammt nahe kommende, Release aber auch klar gesagt werden: Wer bislang weder etwas mit Melodic Death anfangen, noch die Faszination dieser Band ansatzweise nachvollziehen konnte, den wird auch „Moment“ nicht mehr bekehren können.

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12.11.2020

Time doesn't heal - it only makes you forget.

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5 Kommentare zu Dark Tranquillity - Moment

  1. Llares sagt:

    Ick freu mich so auf das Album! Bin gespannt, die Rezension lässt ja großes Erahnen!

  2. Finq09 sagt:

    Ich bin ja ein großer Fan von allen DT Alben, Construct als einzige Ausnahme will nicht so richtig zünden, aber so eine Lobeshymne würde ich maximal für The Gallery verfassen.
    „„Moment“ ist vielschichtig und berücksichtigt praktisch alle bisherigen Schaffensphasen der Band seit „Projector“.
    „Selbst für DARK TRANQUILLITY eigentlich völlig untypisches, wie die fröhliche, leicht folkige Melodie von „Empires Lost To Time“, findet auf dem Album Platz und fügt sich sogar perfekt in den – im Übrigen perfekt ausbalancierten und auf das Songmaterial ausgerichteten – Sound ein.“
    Textstellen wie diese lesen sich für mich wie aus einer Werbebroschüre und lassen mich etwas stutzig werden, sind die meisten anderen Reviews bisher doch eher verhalten ausgefallen.
    Als langjähriger DT Fan wird mir sicherlich auch „Moment“ sehr gut gefallen und natürlich würde ich mich freuen, wenn ich mich am Wochenende in die Lobeshymne einklinken kann, nach den bisher veröffentlichten Singles sehe ich aber den ganz großen Knall nicht auf uns zukommen.
    Mal schauen, bei dem Decembre Noir Review war ich ganz einer Meinung mit dem Rezensenten, das Album wollte ich persönlich gerne schon vorab in den Himmel loben, aber für mich kann es einfach nicht mit den älteren mithalten.
    Vielleicht gibt es hier ja eine freudige Überraschung und es ist genau anders herum. 😉

  3. daniel sagt:

    da geh ich mit ! construct ist das einzigste album wo ich ne 7 geben würde ! sonst sind alle 8-9 für mich ! daher geb ich schon mal ne 9 weil die ersten songs top sind und sämtliche reviews durchweg gut ! geiles metal jahr auf jeden fall für meinen geschmack ! irgendwas gutes muss das jahr ja haben …

    9/10
  4. FBSFBS sagt:

    Ich bin großer „Construct“ Fan und mochte auch „Damage done“ und „Character“. „Moment“ klingt doch am ehesten nach diesen drei. Wobei ich auf der ersten Hälfte den Clean Gesang grausig finde. Ich stell mir vor wie ich auf einem Konzert diesen ständigen Wechsel zwischen abrocken und künstlich erzwungender Gothic Atmosphäre feiern soll. Ne dafür gibt’s diesmal einen Punkt Abzug. Sonst haben die Männer ordentlich geliefert alle Achtung.

    8/10
  5. Lord Budweiser sagt:

    Ich weiß noch als mein Bruder die Projector und Haven als Doppelcd geschenkt bekommen hat… Das war so mit das erste death metalische mit dem ich/wir in Berührung gekommen sind. Seit dem natürlich ein riesen Fan dieser Band, auch wenn ich heute melo death eher aus dem Weg gehe. Es ist einfach nicht mehr so meins und DT haben, wenn wir mal ehrlich sind, in all den Jahren keine nennenswerte Fortschritte mehr gemacht. Rückblickend betrachtet würde ich (die Projektor bzw Haven mal außen vor gelassen, weil ich da wie gesagt keine objektive Meinung zu abgeben kann) nur die Skydancer und The Gallery als wirklich, richtig gutes Album hervorheben.
    DT hat finde ich das gleiche Problem wie Cradle Of Filth… Das ist immer das gleiche und eine Veröffentlichung klingt wie die letzte – ohne dabei schlecht zu sein, die Band hat einfach ihr Niveau – aber ohne neue Impulse setzen zu können.