



Eine Prognose, wie das kommende Album der Norweger von ENSLAVED wohl klingen mag, ist bei keiner der gestandenen Metalgrößen aus dem sagenumwobensten Land des Black Metal derart unmöglich wie bei Ivar Bjørnson, Grutle Kjellson und ihren Mitstreitern. Vom Debüt „Vikingligr Veldi“ bis zum bisher letzten Album „Heimdal“ ist das Quintett inhaltlich eine komplett andere Band geworden, hat aber niemals ganze Zuhörerschaften bei ihrer massiven Entwicklung verloren. Das spricht nicht nur für eine hohe musikalische Qualität, sondern auch für die hohe Kunst, trotz neuem Gesicht, immer noch ausreichend Wesenszüge vorzuhalten.
Traum und Wirklichkeit
Darin sind ENSLAVED absolute Meister ihres Faches und legen die Messlatte dieser Darbietung mit ihrem neuen Album „Mið“ wiedermal so hoch wie schon lange nicht mehr. Das auch, weil die Band erneut einen beispiellosen Weg zwischen Mut und gerade soviel Fanfutter wie nötig geht. Das 17te Album setzt thematisch Widerhaken im Sinne der Parallelexistenz von Traum, Wirklichkeit und gegensätzlicher kosmischer Kräfte. Nicht das erste Mal spielt Spiritualität in deren Klangkosmos eine zentrale Rolle, wird aber diesmal besonders intensiv und spürbar aufgezeichnet, auch weil ENSLAVED bewusst schwere Wege gehen.
Im ersten Teil des Langspielers arbeitet man unter anderem mit dem samischen Musiker Johan Sara Jr. („I Am Ice“) und dem nordamerikanischen, indigenen Sänger Kevin Kicking Woman („Spirit Helper“) zusammen. Dabei haben die beiden Stücke keinen „Feature-Charakter“, sondern man hat den Gastbeiträgen erkennbar viel Raum gegeben, sodass die Songs stark eingefärbt klingen und atmosphärisch wirken. Dazwischen liegt mit der Vorab-Single „Solar Will“ der wohl eingängigste Brecher seit Langem und dem doomigen „Mountain“ ein Brocken mit schwerfälliger und feiner Seite.
Stärkster Langspieler seit zehn Jahren
Da ist der zweite Teil von „Mið“, soweit einem das bei ENSLAVED über die Lippen geht, fast schon der konventionelle Part des Albums, aus dem dennoch abermals die bahnbrechende Klasse der Gruppierung hervorgeht. Dass der seit 2018 als aktives Bandmitglied wirkende Iver Sandøy nun seit drei Platten etabliert ist, und sowohl für Drumming, Keyboards und die Produktion verantwortlich ist, trägt inzwischen richtig Früchte. Elemente gehen Hand in Hand, Übergänge könnten nicht flüssiger sein und sind meisterlich ins Songwriting eingebettet.
„Mið“ strahlt aus einem gut konsolidierten Kern aus den Basiselementen ENSLAVEDs stärker nach außen denn je. So treffen die vielleicht eingängigsten Songs seit „Riitiir“ und „In Times“ („Solar Will“, „Tales Of Trees“) auf eine pulsierende experimentelle Ader („I Am Ice“, „Spirit Helper“) und finden zu einer philosophischen Reise zusammen. Die o.g. Albumreferenzen sind dabei gar nicht so falsch, denn 2026 präsentieren ENSLAVED ihren stärksten Langspieler seit zehn Jahren.

Patrick Olbrich































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