Van Canto - Trust in Rust

Review

Galerie mit 30 Bildern: Van Canto - Rockharz Open Air 2013

Es ist Sonntagmorgen und der Rezensent hat möglicherweise am Vorabend etwas zu viele Hopfenkaltschalen genossen. Mit einem nicht zu verachtenden Kater wandert der bange Blick auf die To-Do-Liste. Brutal Death Metal wäre jetzt wirklich tödlich. Uff, Erleichterung macht sich breit, es ist die neue VAN CANTO. Nochmal Glück gehabt. Nach einigen Besetzungswechseln präsentieren uns die Rakkatakka-Barden mit Schlagzeug-Anhang nun mit „Trust in Rust“ bereits ihr siebtes Werk. Da kann man sich schon einmal die Frage stellen, ob das Thema Power A Capella nicht mittlerweile auserzählt ist? Antworten darauf findet Ihr übrigens auch in unserem ausführlichen Interview zum Album mit Stefan Schmidt.

VAN CANTO – Nach holperigem Beginn…

Sicherlich für viele überraschend kam im August 2017 die Nachricht, dass mit Philip Dennis „Sly“ Schunke eine der beiden Leadstimmen die Band verlässt. Wie verarbeitet man so einen Schlag ins Kontor? Im Falle von VAN CANTO heißt die Marschrichtung ganz klar: Jetzt erst Recht! Mit Hagen Hirschmann ist bereits ein Nachfolger gefunden, mit dem man allerdings alles andere als auf Nummer sicher gegangen ist. Seine angeraute Stimme ähnelt kaum der seines Vorgängers und sticht auch direkt heraus. Mit „Back in the Lead“ möchte man dem Hörer zu Beginn direkt entgegen schreien: „Hey, wir sind noch lange nicht fertig, sondern greifen jetzt erst richtig an“. Das Problem an der Sache: Textfragmente wie „Speakers gonna blow“ oder „stronger than before to kick your ass“ nimmt man VAN CANTO einfach nicht ab. Da fehlt der Punch, den so ein Song, der vielleicht eher zu einer Teutonenstahl-Kapelle wie ACCEPT passen würde, haben müsste. Auch die bereits angesprochene neue Leadstimme fügt sich hier noch so nicht harmonisch in den Bandsound ein.

Die im Opener eingeschlagene Marschrichtung bleibt uns, gerade textlich, erst einmal erhalten, auch wenn „Javelin“ eher eine klassischere VAN CANTO Nummer ist. Was außerdem auffällt: Die Refrains zünden nicht wirklich. Für eine Band, die zu einem guten Teil davon lebt, dass man diese einfach immer Mitsingen möchte, nicht so vorteilhaft. Mit „Ride the Sky“ wurde zudem eine eher unglückliche Coverversion gewählt. Auch wenn Kai Hansen den Klassiker höchstpersönlich als Zweitstimme veredelt, wird die zu „Walls of Jericho“-Zeiten noch vorhandene Rohheit HELLOWEENs, die irgendwie den Charme des Songs ausmacht, zu keinem Zeitpunkt erreicht. Dazu ist die Stimme von Inga Scharf vielleicht auch einfach zu glatt.

…schüttelt „Trust in Rust“ den Rost gegen Ende ab.

Wir steuern auf die Albummitte zu, und irgendwie riecht es im Moment ganz schön nach Schiffbruch. Aber dann ist es soweit, mit „Melody“ steuern wir auf ein erstes kleines Highlight zu. Klar, hier bewegt man sich auf vertrautem Terrain, aber endlich bleibt ein Refrain mal wieder richtig hängen. Durch einen ruhigen Zwischenpart, den man wohl bei einer „normalen“ Metal-Band als clean bezeichnen würde, kommt ein wenig Abwechslung ins Spiel. „Neverland“ schlägt in die selbe Kerbe und ist vielleicht sogar noch ein wenig ohrwurmiger. In „Desert Snake“ zeigt Hagen, der in der Vergangenheit auch schon bei Thrash- und Death-Metal-Kapellen am Mic stand, welche neuen Möglichkeiten sich mit seinem Einstieg eröffnen. Ja, hier gibt es tatsächlich Growls. In einem VAN CANTO Song. Und das erstaunliche, das funktioniert richtig gut und klingt zu keinem Zeitpunkt unpassend. Gerne mehr von solchen Experimenten!

Mit dem AC/DC-Überhit „Hells Bells“ hat man, im Gegensatz zu „Ride The Sky“, wirklich alles richtig gemacht. Das weltbekannte Intro klingt im VAN CANTO-Stil traumhaft und Hirschmann bringt hier die beste Leistung der ganzen Scheibe. Genial! Natürlich darf dann zum Ende auch die obligatorische Ballade nicht fehlen. In „Heading Home“ kommt geradezu Herr-der-Ringe-Feeling auf, der Beginn erinnert ein wenig an das Lied der Zwerge aus dem Hobbit-Kinofilm. Eine ganz starke Nummer, die sogar an das großartige „Last Night of the Kings“ herankommt.

Die verflixte Sieben

Ja, Veränderungen sind immer schwer. Nach zwölf Jahren Bandgeschichte ist es natürlich insbesondere, wenn man sich auf stilistisch eng abgestecktem Terrain bewegt, nicht einfach, relevant zu bleiben. VAN CANTO wollten hier ganz offensichtlich Experimente wagen und Veränderungen zulassen. Gerade zu Beginn wird häufiger auf Eingängigkeit verzichtet und stattdessen versucht kerniger zu klingen, was nicht immer so richtig klappen will, da die gewohnten hymnischen Momente nach wie vor die meisten Highlights bereit halten. Trotz allem ist der Versuch sich zu verändern sicher notwendig und funktioniert an vielen Stellen bereits richtig gut. „Trust in Rust“ ist ein toll produziertes Album mit einer Menge starker Nummern, die gerade nach ein paar Durchgängen lange im Gehörgang kleben bleiben, auch wenn man eine weitere Großtat wie „Tribe of Force“ aus dem Jahre 2010 nicht erwarten kann. Am Ende dreht sich auf „Trust in Rust“ alles um die Zahl Sieben: Das siebte Album, sieben Bandmitglieder und folglich auch sieben Punkte.

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15.08.2018

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