Fear Factory - Demanufacture

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

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Im Juni 1995 veröffentlichen FEAR FACTORY nach dem erfolgreichen Debütalbum „Soul Of A New Machine“ ihr zweites Album „Demanufacture“, das eine neue Zeit einläutete und ein regelrechter Gamechanger war und ist.

Die Maschinen erheben sich – der Weg zu „Demanufacture“

Schon mit ihrem 1992 veröffentlichten Debütalbum „Soul Of A New Machine“ präsentierten die innovativen Amis von FEAR FACTORY ein Werk, das irgendwo noch im Death Metal wurzelte, aber bereits die Grenzen des Genres mehr als ausreizte. Ungewöhnliche Rhythmen und eine ordentliche Portion Industrial und etwas Psychedelic, Einflüsse von NAPALM DEATH über MINISTRY bis VOIVOD, das war frisch, das war neu, das war anders und das war toll. Und das war nur der Anfang.

Denn mit der EP „Fear Is The Mindkiller“ trieben FEAR FACTORY ihre Experimentierfreudigkeit an die Spitze. Hier wurden einige Songs des Debüts von Rhys Fulber und Bill Leeb (beide FRONT LINE ASSEMBLY) remixt, so dass eine Symbiose aus Death Metal, kalter Technik und futuristischen Elektrosound entstand. Für Otto-Normal-Metalller war das natürlich nichts. Es lag weitere Veränderung in der Luft…

Zeichen einer neuen Zeit

Ein Jahr vor „Demanufacture“ kam von den ebenfalls bei Roadrunner Records unter Vertrag stehenden MACHINE HEAD das Debütalbum „Burn My Eyes“, einen bis zum heutigen Tag schwer wenn nicht geradezu unmöglich zu übertreffenden Neo Thrash-Volltreffer. Zuvor hatten PANTERA ihren klassischen Metalsound zum neuen Groove Metal hin entwickelt, und eine deutsche Kapelle namens RAMMSTEIN veröffentlicht 1995 ihr Erstwerk „Herzeleid“, um nur einige Beispiele zu nennen. Überall Veränderung, Wandlung, Weiterentwicklung, der Metal wurde sozusagen moderner, offener. Spannung lag in der Luft, und mittendrin FEAR FACTORY in der klassischen Besetzung Dino Cazares, Burton C. Bell, Raymond Herrera und Christian Olde Wolbers, letzterer trug allerdings aufgrund seines späten Zustoßens nicht allzu viel zu „Demanufacture“ bei, die meisten Bass-Parts wurden von Dino aufgenommen.

FEAR FACTORY liefern mit „Demanufacture“ das perfekte Album ihrer Karriere

Nachdem die beiden ersten Veröffentlichungen für Innovation sorgten und den Industrial Metal neu definierten, war das darauffolgende „Demanufacture“ revolutionär und gleichzeitig in jeglicher Hinsicht absolut perfekt. Alles, wirklich alles wirkt bis ins letzte Detail in Perfektion ausgeklügelt und alles präzise aufeinander abgestimmt, von der perfekt in Szene gesetzten Musik über die hinzugefügten Effekte, die Produktion, Texte und Artwork. Erneut steuerte Rhys Fulber Samples und Keyboards bei. Gemeinsam erschufen FEAR FACTORY einen neuen, futuristischen Sound, ja neue Klangwelten, die bis dahin so nicht vorstellbar waren.

In jeglicher Hinsicht hatten sich FEAR FACTORY sowohl einzeln als auch als Band zur Hochform weiterentwickelt. Growlte Burton C. Bell in der Vergangenheit fast ausschließlich, erweiterte er seinen Gesang nunmehr einerseits in klar und melodisch, ja teilweise schon mit einer warmen Note, die einen wunderbaren Kontrast zur kalten, maschinellen Musik darstellt, dazu kraftvolle Shouts. Insbesondere der flächige, Chorus-getränkte Klargesang sollte in Folge eine ganze Generation an jungen Metal-Shoutern beeinflussen. Schlagzeuger Raymond setzte als einer der ersten im Metal-Bereich konsequent auf getriggerte Drums und spielte noch präziser, insbesondere die trocken hämmernden Doublebass wirkten eher, als ob hier eine Maschine am Werk wäre als ein Mensch. Herrera der menschliche Drumcomputer sozusagen. Dazu die kalte, maschinell-sterile und deutlich variablere Gitarre von Dino, meist im Stakkato rhythmisch riffend. Alles stimmig mit dem Konzept, der Verschmelzung von Maschine und Mensch, von FEAR FACTORY, die nun in der Lage waren, ihr Potenzial vollends auszuschöpfen. Es gab von allem mehr, mehr Industrial, viel mehr geniale, einnehmende Melodie, was zu unvergleichlichen Trademarks von FEAR FACTORY wurde. Und insbesondere mehr Hits, eigentlich besteht das Album fast nur Hits.

Der Soundtrack zum Weltuntergang enthält Hits über Hits

Das fängt schon beim abwechslungsreichen, treibenden Titelsong an. Bedrohlicher Anfang, unterkühlt, passende Samples, entnommen aus dem Film „Terminator 2“, Wechselgesang zwischen kernigen Growls und hypnotisch-flächigem Klargesang, futuristische Soundschnipsel, schneidende Riffs, fetter Refrain, und das tödlich präzise Bassdrum-getriebene Schlagzeugspiel vernichtet alles. Ein Nackenbrecher erster Güte. Das folgende, düstere „Self Bias Resitor“ ist ein weiteres brutal-präzises Highlight mit zahlreichen Breaks in polyrhythmischem Geballer, das etwas an MESHUGGAH erinnert, düstere Synthesizer, und als Krone dieser Schöpfung dieser markante, supereingängige und melodisch-flächige Refrain, der nie, wirklich niemals wieder aus dem Kopf geht und für FEAR FACTORY neue Maßstäbe setzte. „Zero Signal“ baut anfangs eine irre Spannung auf, die zunächst in einer riesigen Melodiewand gipfelt, Stakkato-Riffs, irre Breaks und pulsierende Rhythmen, melodischer und aggressiver Gesang, drückende Sequenzen, dramatische Keyboards, einprägsamer Mega-Refrain! Und erst dann kommt mit „Replica“ der höchst eingängige Überhit und bekannteste Song von FEAR FACTORY, der damals in den Clubs rauf und runterlief. Große Hooks, Ohrwurmrefrain, getriggerte Rhythmen, Killer-Breaks, melodische Flächen.

Weitere Ausrufezeichen setzen das mit einer Art hartem Technobeat unterlegte, straighte und bissige „New Breed“, das melancholisch-melodische, relaxte HEAD OF DAVID-Cover „Dog Day Sunrise“ sowie „H-K (Hunter-Killer)“, der aggressivste Song des Albums mit amtlichem Groove, in welchem Bell nochmal richtig schön die Sau rauslässt. Schwächen erlauben sich FEAR FACTORY keine, wirklich kein Ton ist an diesem Album zu viel oder überflüssig.

Aufgenommen wurde mit Produzent Colin Richardson (u. a. MACHINE HEAD, SLIPKNOT). Unzufrieden mit dessen Mix legte sich Cazares mit der Produzentenlegende an, was letztendlich dazu führte, dass die Plattenfirma Dino erlaubte, gemeinsam mit Rhys Fulber und Greg Reely die Produktion neu zu mixen. Hierbei wurden auch gleich vier Songs von Bell neu eingesungen. Das Ergebnis war eine zukunftsweisende Produktion, die auch heute noch bemerkenswert klingt.

Inhaltlich durchlebt der Protagonist in der Ich-Perspektive während „Demanufacture“ blanken Hass, Melancholie, Rebellion, Frustration, und immer wieder das Thema gefangen sein zwischen Mensch und Maschine.

Die Vielzahl an exzellenten Songs versammelt auf diesem äußerst vielseitigem, vor Innovation und Ideenreichtum nur so strotzenden Album bleibt im Genre unerreicht, auch von FEAR FACTORY selbst. In dieser Form und zum damaligen Zeitpunkt einzigartig war die Mischung aus brachialer Härte, präziser, maschinell-steriler Rhythmik, beklemmend kalte, aber nie leblose Atmosphäre und ohrenschmeichelnder Melodie. „Demanufacture“ setzte Maßstäbe für alles, was folgen sollte und nahm einem Großteil der Metalszene die Berührungsängste zu Elektro/Industrial. Dieses Klangerlebnis war und ist ein absoluter Geniestreich!

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30.08.2023

Geschäftsführender Redakteur (stellv. Redaktionsleitung, News-Planung)

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Fear Factory auf Tour

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2 Kommentare zu Fear Factory - Demanufacture

  1. motley_gue sagt:

    Der Vergleich mit Meshuggah hinkt, weil FF nie so polyrhythmisch und schwer nachvollziehbar waren. FF war immer gerade und groovig.
    Aber dieses Album war sicher für viele ein Schuhlöffel hinein in harte Musik, die vorher eher der elektronischen Musik zugeneigt waren. Den Spagat zwischen Growls und Cleangesang brachte man auf diesem Album auch spielerisch hin, wobei man inzwischen aber definitiv weiß, dass Mr. Bell das nie und nimmer so in einem Stück eingesungen haben kann, dafür ist er live einfach zu mies. Egal, auf Platte ist das groß. Replica ist eine Hymne, die damals jeder kannte, H-K und Self Bias Resistor stehen für sich, Dog Day Sunrise hat mich heute wie damals, auf dem Album gibt es praktisch nur gute bis herausragende Nummern.
    Leider, wie gesagt, wurde dieses Niveau Live nie erreicht. Die nächsten Alben waren auch noch stark, ich mochte und mag auch Digimortal. Zuletzt ist FF leider nur mehr ein Schatten seiner selbst, was vor allem an wirklich problematischen Personen liegen dürfte.

    10/10
  2. zircular sagt:

    Ein absoluter Klassiker, danach war die Puste raus und man verkam zur belanglosen Selbstkopie.

    10/10