Dream Theater
"The Astonishing" live in Nürnberg 2016

Konzertbericht

Billing: Dream Theater
Konzert vom 14.03.2016 | Meistersingerhalle, Nürnberg

Ihren Bandnamen haben DREAM THEATER einem Lichtspielhaus im kalifornischen Monterey entlehnt. Da ist es gewissermaßen äußerst passend, dass der Besuch einer Show ihrer laufenden Tournee in vielerlei Hinsicht an einen Kinobesuch erinnert. Wer an diesem Montagabend jedoch in Erwartung einer amtlichen Rockshow in die Nürnberger Meistersingerhalle geströmt ist, könnte nicht nur angesichts der Eintrittspreise (im Gegenwert mindestens eines halben Dutzends Kinobesuche) eher enttäuscht den Heimweg antreten.

Dream Theater

Eine echte Rockshow wird das hier und heute nicht, denn dafür ist DREAM THEATER die Konzeptgeschichte ihres aktuellen Doppelalbums „The Astonishing“ viel zu wichtig. Damit man diese ungestört genießen kann, ist der große Saal komplett bestuhlt und statt einem Platz im Bühnengraben müssen die Fotografen mit den Treppen am gegenüberliegenden Ende Vorlieb nehmen, um dort zehn Minuten lang die Teleobjektive glühen zu lassen. Aufnahmen von weiter vorne sind explizit unerwünscht und werden – egal ob mit oder ohne Legitimierung durch einen Fotopass – rigoros unterbunden. Eigentlich müsste ich mich darüber freuen, heute nicht ständig die Handy-Displays eifriger Hobby-Filmer vor die Fresse gehalten zu bekommen. Die Art und Weise, wie das Fotoverbot jedoch vor Ort durchgesetzt wird, entpuppt sich als echtes Ärgernis.

Schon ein kurzer, unbedachter Seitenblick aufs illuminierte Smartphone-Display ruft einen pampigen „Wachhund“ auf den Plan, der den Übeltäter unmissverständlich dazu auffordert, das Gerät wegzustecken und die volle Aufmerksamkeit wieder der Show zuzuwenden. Die Spielregeln kommen vermutlich direkt vom Management der Band, es zeigt sich aber wieder einmal, wie gut man sich hierzulande auf die Durchsetzung solch klarer Vorschriften versteht. Also die Augen stur geradeaus und brav dabei zugesehen, wie die amerikanischen Prog-Großmeister ihr aktuelles Science-Fiction-Musical vom heroischen Sieg der Musik im Kampf gegen einen repressiven, jeglichen Anflug von individueller Freiheit unterdrückenden Polizeistaat zum Besten geben.

Dream Theater

Die Interaktion mit dem Publikum war nie die große Stärke von DREAM THEATER, auf gepolsterten Stühlen sitzend wird die Distanz zu den Musikern auf der Bühne aber geradezu erschreckend groß. Wer den gewohnt virtuos agierenden Instrumentalkünstlern genau auf die Finger schauen möchte, kann dies heute ungestört tun. Statt aber selbst aktiv am Konzert teilzunehmen, ist das Publikum zu einer reinen Zuschauerrolle verdammt, worunter die Atmosphäre massiv leidet. Mit einer beeindruckenden Lichtshow und opulent animierten Beamer-Projektionen, die die Konzeptgeschichte von „The Astonishing“ filmisch begleiten, liefert die Band immerhin kontinuierlich visuelles Futter – eben doch eher eine Art Kinobesuch mit Livemusik.

Auf der Setlist steht tatsächlich das komplette „The Astonishing“-Album, nicht mehr und nicht weniger. Damit liegt die Netto-Spielzeit immerhin bei rund zweieinviertel Stunden. Wo bei der Konservenfassung des Albums der Wechsel zwischen der ersten und der zweiten CD erfolgt, legen DREAM THEATER eine fünfzehnminütige Pause ein. Dass man hingegen das Epilog-Stück „Astonishing“ als Quasi-Zugabe zu verkaufen versucht und sich auf diese Weise darum drückt, noch einen der vielen Bandklassiker als echten Bonus draufzupacken, ist bedauerlich. Das wiegt umso schwerer als dass die Band mit ihrem dreizehnten Studioalbum nicht unbedingt ihr stärkstes Album abgeliefert hat. Doch sei’s drum, immerhin wusste man, worauf man sich hier einlässt.

Dream Theater

Selbst ein unterdurchschnittliches DREAM-THEATER-Album ist nichtsdestoweniger ein ziemlich gelungenes Prog-Metal-Werk und die musikalische Umsetzung wieder einmal über jeden Zweifel erhaben. Wenn Gitarrist John Petrucci zu einem seiner ausladenden Soli ansetzt oder Jordan Rudess mit freakigen Sound-Spielereien Akzente setzt, weht ein Hauch jener Magie durch die Halle, die DREAM THEATER zur wichtigsten Prog-Metal-Truppe des Planeten gemacht hat. Alles andere als magisch ist hingegen die Soundabmischung geraten, die eine Menge Details verschluckt. Gerade der Gesang von James LaBrie geht an vielen Stellen unter was umso schwerer wiegt, als der Frontmann heute in eine Vielzahl unterschiedlicher Rollen schlüpfen muss.

Dabei demonstriert LaBrie eine Vielseitigkeit, die ihm viele gar nicht zugetraut hätten, ohne jedoch den Verdacht vollständig ausräumen zu können, dass die Bühnenumsetzung des Konzeptstoffes von der Einbeziehung eines oder mehrerer Gastsänger – eine Frauenstimme als Duettpartnerin vielleicht? – enorm hätte profitieren können. Klar, das hätte der Show eine noch deutlichere AYREON- oder AVANTASIA-Schlagseite verpasst, als ihr angesichts der  kitschtriefenden und für meinen Geschmack etwas zu plump erzählten Konzeptgeschichte ohnehin bereits anhaftet. Doch hätten DREAM THEATER „The Astonishing“ gerade dadurch noch deutlicher von ihren früheren Alben und Live-Shows abgrenzen können. Denn auch wenn am Ende eines unterhaltsamen Livemusik-Kino-Abends die Mehrzahl der Fans ihre Stühle verlässt, um den Musikern direkt vor der Bühne Beifall zu spenden, wird mir dieser Abend als die bislang schwächste DREAM-THEATER-Show im Gedächtnis bleiben, der ich bislang beiwohnen durfte.

23.03.2016

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2 Kommentare zu Dream Theater - "The Astonishing" live in Nürnberg 2016

  1. Eddie sagt:

    Danke FS, für den Bericht, der mich in meinem Entschluss, auf die Ausgabe (inkl. der obligatorischen Biere) von gut 100 Euro fürs auf dem Stuhl sitzend ausschliesslich dem 14.Album der geschätzten Dream Theater zu Lauschen zu verzichten, bestätigte. Nach diesem Monstersatz noch ein Kurzer. Lege es in die Kasse für ein wirklich gute Hifi-Anlage. Und freue mich auf eine gute Open-Air-Saison im Sommer.

  2. Florian Schörg sagt:

    Jo, gern geschehen und absolut nachvollziehbar. Ich hatte ja bis zuletzt die Hoffnung, dass ich mein Urteil über das neue Album im Angesicht der live-Darbietung noch einmal überdenken müsste, aber irgendwie hat sich meine Einschätzung da leider absolut bestätigt. Grade wenn ich an vergangene DT-Konzerte zurückdenke, wäre die Show beim besten Willen keine 100 Euro wert gewesen. Momentan sieht es für mich so aus, als hätten die Jungs ihre besten Tage inzwischen hinter sich. Trotzdem hoffe ich auch hier, dass ich mich irre und sie sich zukünftig nochmal fangen werden.