Weltschmerz
Unsere liebsten Doom-Perlen, Teil 2

Special

WHILE HEAVEN WEPT – „Sorrow Of The Angels“ (Eibon Records, 1998)

WHILE HEAVEN WEPT - "Sorrow Of The Angels"

Es ist der Sommer des Jahres 2006: Der Autor dieser Zeilen schmiedet eifrig Pläne, endlich bei seinen Eltern auszuziehen, geht hin und wieder zur Uni, pflegt das Leben eines Müßiggängers. Die Musik bleibt dabei ironischerweise ein bisschen auf der Strecke. Nicht, dass die Anlage nicht immer noch den ganzen Tag und die halbe Nacht brummen würde. Aber neuer Stoff hat sich schon lange nicht mehr in das mit einem Chuck-Schuldiner-Gedenk-Poster leidlich aufgehübschte Jungenzimmer verirrt.

Und auf einmal tritt der Doom Metal in dein Leben

Dies ändert sich, als plötzlich der Doom am Fenster erscheint und über die komplette schöne Jahreszeit auch nicht mehr weichen will. Zahlreiche Perlen des Genres befinden sich auf einmal in Dauerrotation und entschleunigen die Semesterferien. Darunter auch WHILE HEAVEN WEPT mit „Sorrow of the Angels“, ein anfangs eher ungewöhnlicher Bestand in einer von Nu- und Death Metal geprägten Musik-Sammlung.

Ungewöhnlich ist bereits der Einstieg, sowohl musikalisch als auch lyrisch. Langsam und melodisch baut sich „Thus With A Kiss I Die“ auf, wirkt beinahe zerbrechlich. Der Verstand realisiert: Dies ist keine Musik zum Nebenbei-Hören, sondern zum Versinken. Plötzlich wird die Aufmerksamkeitsspanne gefordert, die Neugier auf den Text geweckt. Zum Glück ist der Teenie-Herzschmerz längst überwunden – ist er es? – sonst würden Tränen fließen.
Der Opener widmet sich in insgesamt 17 Minuten der Verzweiflung, die ein Liebender verspürt, der verlassen wurde.

Was eine ansonsten einsame Seele vorher noch als Verbindung für die Ewigkeit betrachtete, ist aufgelöst worden, ist nun zerbrochen und damit eigentlich unwert. Doch der Geschmähte liebt immer noch, kann die Abweisung nicht überwinden und schwört ewige Liebe. Leben und Energien durchwehen den Song danach nur noch musikalisch. Knapp drei Minuten beleben ihn überraschend progressive Gitarren und Keyboards, bis schließlich doch wieder das schleppende Hauptriff erklingt und „Thus With A Kiss I Die“ abschließt.

WHILE HEAVEN WEPT begeben sich an den Quell der Trauer

„Into The Wells of Sorrow“ beginnt leicht holprig mit einem etwas ziellosen Intro. Stimmungsvoll ist es dennoch, ohne Frage. Es leitet den Gesang eines Menschen ein, der von der Welt insgesamt enttäuscht ist, sich resignierend von ihr abwendet. Zuflucht findet er im Tod, den er als untrennbaren Teil des Lebens begreift. Aus dieser Erkenntnis gewinnt er Kraft, akzeptiert sein ansonsten trostloses Schicksal erhobenen Hauptes, weil er weiß, dass der Tod „absence of pain“ ist. Entsprechend steigert sich der Song von einem melodischen Zeitlupen-Riff hin zu einem kraftvollen Zusammenspiel von Gitarre und Keyboard. Zwar bricht er danach für wenige Sekunden wieder in das anfängliche Intro über, aber aufgrund seiner Kürze bleibt es nicht mehr als eine abschließende Randbemerkung.

„The Death of Love“ reiht sich mit seinen zehn Minuten bei seinen beiden Vorgängern ein, ist aber vielleicht der musikalisch ausgereifteste Song auf dem Album. Lyrisch wird in ihm nicht nur die Liebe zu Grabe getragen, sondern die Lebensfreude an sich. Zeilen „every promise ever born now lay broken“ sprechen eine deutliche Sprache. Es geht um Enttäuschung, so grundlegend und umfassend, dass kein anderer Umgang mit ihr sinnvoll erscheint, als diese Erkenntnis in Kraft umzuwandeln. „September“ schließlich, der letzte Song, ist ein kurzes Instrumental, das klanglich an manches vorhergegangene Akustik-Gitarren-mit-Regen-im-Hintergrund-Zwischenstück anknüpft. Kein Glanzstück, sondern ein verhaltener letzte Gruß und schöner Abschluss dieses Albums.

Musik zum Träumen, zerbrechlich und kraftvoll

Die Flucht vor der trüben, nein: bitteren und gnadenlosen Realität ist das Hauptthema auf „Sorrow of the Angels“. Dennoch ist sie trotz des Schmerzes, den sie manchmal verursacht, eine Voraussetzung für die lindernde Erkenntnis. Die Offenbarung, dass Leben und Leiden zwei Seiten einer Münze sind, spendet Kraft, vermittelt das Gefühl, ein Eingeweihter zu sein, der hinter den Schleier der Banalitäten blickt.

Eingebettet wird diese Botschaft in traumhaft schöne Musik, die den Zuhörer verharren lässt. Insbesondere das Zusammenspiel von Keyboard und Gitarre funktioniert auf diesem Album prächtig. Die Kraft des gitarrenlastigen Doom Metal im Stil von SOLITUDE AETURNUS trifft hier auf die britisch-romantische Stimmung von Bands wie MY DYING BRIDE. Bandkopf Tom Phillips, der kurz nach Release erst einmal von seinen beiden Mitmusikern verlassen wird, gelingt ein wunderbares Werk. Tieftraurig, aber zugleich nie versiegender ein Quell der Kraft.

„Sorrow of the Angels“ – Die Trauer über verlorene Unschuld

Letztlich auch ein Ende der Unschuld, denn schließlich ist es, so der Titel, auch die Trauer von Engeln, die einst voll von naiver Hoffnung auf die Welt blickten, bis sie der Taten der Menschen gewahr wurden. Ein passender Soundtrack also für einen jungen Mann, der schließlich, einige Monate später im Winter, in seiner tristen ersten Wohnung sitzt, an einer kahlen Wand ein einsames Chuck-Schuldiner-Gedenk-Plakat. Irgendwie frei, aber irgendwie auch enttäuscht, doch wieder mit gebrochenem Herzen – aber immerhin mit dem passenden Soundtrack.

(Marc Thorbrügge)

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08.11.2018

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