Amon Amarth
Alte Mythen, neue Geschichten – Der Lyrik-Check

Special

Phase 2: Mythentiefe und Hymnen (2002–2011)

Musikalisch und von der Produktion her ist die erste Phase noch roh und ungeschliffen. „Versus The World“ markiert 2002 eine Zäsur: AMON AMARTH erweitern ihre musikalischen Möglichkeiten um schweres Midtempo, mehr Melodik und sogar death-doomige Schwerfälligkeit. Parallel dazu verändert sich das Storytelling. Die offene antichristliche Konfrontation verschwindet zwar nicht, doch die Mythologie dient zunehmend weniger als Kulisse für eigene Geschichten. Überlieferte Stoffe, menschliche Schicksale und schließlich die Perspektiven einzelner Sagengestalten rücken ins Zentrum.

Versus The World (2002) – Vom Furor zur eigenen Mythenwelt

Albumcover „Versus The World“ (2002) von AMON AMARTH„Versus The World“ greift mit Ragnarök ein Thema auf, das bereits auf „The Crusher“ präsent war, erzählt die Mythologie nun aber ausführlicher. „Death In Fire“ schildert den Weltenbrand, „Down The Slopes Of Death“ Odins letzten Ritt in die Schlacht und „…And Soon The World Will Cease To Be“ das Ende der alten Welt. Die nordischen Mythen werden vom Motivlieferanten zunehmend selbst zum Gegenstand der Songs.

Daneben gewinnen die Figuren an Tiefe. „Across The Rainbow Bridge“ erzählt von einem gealterten Krieger, dem der ersehnte Tod im Kampf verwehrt geblieben ist. Statt eines Gegners, den er mit dem Schwert bezwingen könnte, steht ihm sein eigenes Schicksal gegenüber. Der Titeltrack überträgt das Kriegerethos schließlich auf AMON AMARTH selbst: durchhalten, den eigenen Weg verfolgen, gegen Widerstände bestehen. Erzählte Wikingerwelt und Selbstbild der Band beginnen sich zu überlagern.

Fate Of Norns (2004) – Schicksal und die Kraft der Hymne

Albumcover „Versus The World“ (2004) von AMON AMARTHWas auf „Versus The World“ immer wieder aufscheint, wird auf „Fate Of Norns“ zur zentralen Klammer: das unabänderliche Schicksal. Das zeigt der Titeltrack. Ein Vater verliert seinen sechsjährigen Sohn und muss erkennen, dass auch Stärke und Kampfeswille nichts gegen den von den Nornen gewobenen Lebensfaden ausrichten können.

„The Pursuit Of Vikings“ überträgt diese Schicksalsergebenheit auf eine Gemeinschaft von Kriegern, die in dem Wissen aufbricht, dass nicht alle zurückkehren werden. Gleichzeitig entdecken AMON AMARTH hier endgültig die Kraft des großen Refrains. Allerdings kam das ausgeprägte Midtempo schon damals nicht überall gut an: Unser Review vermisste die großen Abrissbirnen – eine Diskussion, die über zwei Jahrzehnte später bei „The Allfather Awakens“ weiterhin aktuell ist.

Auch erzählerisch werden die Schweden ambitionierter. „Arson“ und „Once Sealed In Blood“ erzählen über zwei Songs und fünf Jahre hinweg von Überfall, Überleben und Rache.

With Oden On Our Side (2006) – Vom Motiv zur Mythenerzählung

Albumcover „With Oden On Our Side“ (2006) von AMON AMARTHMusikalisch zieht „With Oden On Our Side“ das Tempo wieder an, lyrisch verbreitert das Album das Spektrum. Schlachtengemälde stehen neben melancholischen Einzelschicksalen: In „Runes To My Memory“ stirbt ein Krieger nach einem Hinterhalt fern seiner Heimat und hofft darauf, dass ein Runenstein an ihn erinnern wird. Mit „Gods Of War Arise“ scheint noch einmal die brutale antichristliche Ader der Frühphase durch.

Den wesentlichen Schritt vollzieht jedoch „Hermod’s Ride To Hel – Lokes Treachery Part 1“. Hier dient die Mythologie nicht mehr dazu, eine eigene Geschichte auszuschmücken. Der überlieferte Mythos selbst wird zur Geschichte: Hermod reitet nach Balders Tod auf Sleipnir zu Hel, um dessen Rückkehr zu erwirken. Aus mythologischen Motiven sind Mythenerzählungen geworden.

Die Mythologie dient jetzt nicht mehr nur als Motivlieferant, sondern als Stoff für miteinander verbundene Erzählungen. Die Geschichte um Balders Tod wird später auf dem Folgealbum mit „Töck’s Taunt – Loke’s Treachery Part II“ weitergeführt.

Twilight Of The Thunder God (2008) – Mythos, Mensch und Gemeinschaft

Albumcover „Twilight Of The Thunder God“ (2008) von AMON AMARTHAuf „Twilight Of The Thunder God“ stehen die inzwischen entwickelten Erzählformen selbstverständlich nebeneinander. Das Titelstück widmet sich Thors Endkampf gegen Jörmungandr, während „Tattered Banners And Bloody Flags“ Ragnarök als Untergangsszenario inszeniert. Gleichzeitig zeigt „The Hero“ einen Söldner, der zwar andere rettet, sich selbst aber keineswegs als Helden betrachtet.

„Guardians Of Asgaard“ fügt eine weitere Komponente hinzu: Der große Refrain macht aus der Verteidigung Asgards eine Gemeinschaftshymne und weist damit bereits auf die spätere Arena-Ausrichtung voraus. Jens Bogrens breite, druckvolle Produktion liefert dazu den passenden Rahmen.

Surtur Rising (2011) – Die Mythen wechseln die Perspektive

Albumcover „Surtur Rising“ (2011) von AMON AMARTH

Wie weit sich das Storytelling entwickelt hat, zeigt „Surtur Rising“. Auf „The Crusher“ war der Feuerriese noch Teil einer eigenen antichristlichen Geschichte. Zehn Jahre später erzählt „Destroyer Of The Universe“ seinen Auftritt bei Ragnarök, während „The Last Stand Of Frej“ denselben Kampf aus der Perspektive seines Gegners schildert.

„A Beast Am I“ geht noch einen Schritt weiter: Fenrir erzählt selbst von seiner Fesselung, Tyrs verlorener Hand und seiner erwarteten Rache an Odin bei Ragnarök. Die Sagengestalten sind damit nicht länger bloß eingestreute Namen und Motive oder Protagonisten einer Nacherzählung. AMON AMARTH geben ihnen eine eigene Stimme.

Zwischenfazit

Aus der noch ungeschliffenen Death-Metal-Truppe der Neunziger ist zwar noch keine Arena-Band geworden, aber der musikalische wie lyrische Werkzeugkasten dafür steht bereit. AMON AMARTH besitzen nun all ihre Trademarks: stampfendes Midtempo, hochmelodische Lead-Gitarren, Johan Heggs unverkennbares Organ, mitreißende Refrains und einen thematischen Kosmos, der tiefer in der Mythologie verankert ist als im platten Christen-Gebashe.

Wie AMON AMARTH ihren etablierten Stil zwischen Arenaformel und Ausbruchsversuchen weiterentwickeln, zeigt die dritte Phase.

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04.10.2026

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