
Amon Amarth
Alte Mythen, neue Geschichten – Der Lyrik-Check
Special
Phase 3: Zwischen Arenaformel und Ausbruchsversuchen (2013–2022)
Ab „Deceiver Of The Gods“ stellt sich 2013 eine andere Frage. AMON AMARTH müssen ihren Stil nicht mehr finden – sie müssen verhindern, dass seine Verlässlichkeit zur Routine wird. Das gilt für die Musik ebenso wie für einen lyrischen Kosmos, dessen wesentliche Bestandteile inzwischen feststehen.
Deceiver Of The Gods (2013) – Loki im Mittelpunkt
Musikalisch reagiert „Deceiver Of The Gods“ mit einem aggressiveren Klangbild unter Produzent Andy Sneap und stärker hervortretenden Heavy- und Thrash-Metal-Einflüssen. Gitarrenharmonien erinnern bei „As Loke Falls“ oder „Father Of The Wolf“ an klassischen Heavy Metal, während CANDLEMASS-Sänger Messiah Marcolin „Hel“ zusätzliche Doom-Schwere verleiht.
Lyrisch bündelt das Album mehrere Songs um Loki. Das Titelstück betrachtet seine Stellung als Außenseiter unter den Asen, „Shape Shifter“ seine Rolle als Täuscher und Gestaltwandler, „As Loke Falls“ führt ihn schließlich nach Ragnarök. Was auf früheren Alben auf verschiedene mythologische Figuren und Stoffe verteilt war, konzentriert sich hier stärker auf einen Charakter.
Jomsviking (2016) – Die Geschichte wird zum Album
Den konsequentesten erzählerischen Schritt gehen AMON AMARTH drei Jahre später. „Jomsviking“ ist das erste geschlossene Konzeptalbum der Band. Es erzählt die Geschichte eines Ausgestoßenen, der nach einem Mord seine Heimat verlassen muss, sich den Jomswikingern anschließt und schließlich dorthin zurückkehrt, wo sein Schicksal seinen Anfang nahm.
Damit verbindet das Album verschiedene Entwicklungsstufen der Band: Persönliche Rachegeschichten erinnern an die Frühphase, doch erstmals trägt eine einzige Erzählung ein komplettes Album. Die Mythologie bildet dabei nicht selbst den Mittelpunkt, sondern den Kosmos für eine eigene Geschichte.
Besonders deutlich zeigt sich die Veränderung bei „Raise Your Horns“. AMON AMARTH hatten schon in den Neunzigern aus der Wir-Perspektive gesungen. Damals war dieses „Wir“ häufig die Gemeinschaft heidnischer Krieger im Kampf gegen ihre Feinde. Nun lässt sich dieselbe Gemeinschaft unmittelbar auf das Konzertpublikum übertragen.
Berserker (2019) – Zwischen Erzählkunst und Schlachtruf
„Berserker“ kehrt zu einzelnen Geschichten zurück und schöpft dabei aus dem Fundus der vergangenen zwei Jahrzehnte. „Fafner’s Gold“ und „Mjölner, Hammer Of Thor“ erzählen ausführlich überlieferte Stoffe, während „The Berserker At Stamford Bridge“ ein historisches beziehungsweise sagenhistorisches Einzelschicksal aufgreift.
Auf der anderen Seite steht „Shield Wall“. Der Song verdichtet den Kampf im Schildwall zu kurzen Befehlen und einem unmittelbaren Schlachtruf. Was auf dem Papier schlicht wirkt, ist für die Bühne maßgeschneidert und führt die Grundidee von „Raise Your Horns“ fort.
Dass daneben weiterhin Ausbrüche möglich sind, zeigt „Into The Dark“. Loki wird hier zum Bild für die eigene innere Dunkelheit. Auch musikalisch sucht die Band nach Freiräumen: „Fafner’s Gold“ beginnt akustisch, „Mjölner, Hammer Of Thor“ arbeitet mit punkigem Riffing.
The Great Heathen Army (2022) – Mythos trifft Gegenwart
Auf „The Great Heathen Army“ verschwimmen schließlich die Grenzen zwischen Mythologie, Geschichte und Gegenwart. Der Titeltrack widmet sich dem Großen Heidnischen Heer, „Dawn Of Norsemen“ dem Überfall auf Lindisfarne. Bei „Saxons And Vikings“ erhält mit SAXON-Sänger Biff Byford auch die historische Gegenseite eine eigene Stimme.
„Heidrun“ schlägt dagegen eine Brücke in die Gegenwart. Die mythologische Ziege versorgt die Einherjer in Walhall mit Met, während AMON AMARTH das Motiv zugleich mit ihrem eigenen Tourleben verbinden. Noch weiter geht „Get In The Ring“: Ursprünglich als Einlaufmusik für Wrestler Erick Redbeard geschrieben, überträgt der Song den alten Zweikampf unmittelbar in die Welt des Sport-Entertainments.
Musikalisch profitiert das Album laut unserer damaligen Rezension vor allem von seiner Konzentration: neun Songs, rund 43 Minuten und weniger Raum für Leerlauf.
Zwischenfazit
Die nordische Welt ist am Ende dieser Phase nicht mehr nur Erzählstoff. Sie kann historische Kulisse, persönliche Metapher, Rahmen einer albumfüllenden Geschichte oder Ausgangspunkt für moderne Unterhaltung sein. Gleichzeitig schreiben AMON AMARTH Songs, bei denen sich die beschworene Gemeinschaft unmittelbar auf das Konzertpublikum übertragen lässt.
Darin steckt allerdings eine Gefahr. Je unverwechselbarer eine Band klingt, desto schwieriger wird es, innerhalb des eng gesteckten Rahmens noch zu überraschen. Die metal.de-Rezensionen dokumentieren genau dieses Spannungsfeld: mal durch einen aggressiveren Sound, mal durch ein Konzeptalbum, stilistische Ausbrüche oder die Reduktion auf ein kompakteres Album.
Der entscheidende Wandel dieser dritten Phase liegt deshalb vielleicht gar nicht in einem neuen Stil. AMON AMARTH sind zur Institution geworden. Ihre Herausforderung besteht nun darin, innerhalb eines etablierten Kosmos genügend Bewegung zu erzeugen.
Ob ihnen das 2026 auf „The Allfather Awakens“ gelungen ist, zeigt der Epilog.
Galerie mit 34 Bildern: Amon Amarth – Summer Breeze Open Air 2024

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| Band | |
|---|---|
| Stile | Melodic Death Metal |
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Torsten Meierhöfer



















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