Take It Or Leave It
(Band-)Namen sind Schall und Rauch?

Special

Angesicht der anstehenden Veröffentlichung von SUICIDE SILENCE stellen sich viele Fans die Frage, ob das überhaupt noch SUICIDE SILENCE sind. Die Deathcore-Band verkauft uns ihr aktuelles Album, welches stark Richtung Nu Metal tendiert, als Weiterentwicklung. Sind das jetzt alles engstirnige Idioten, die einen Sound erwartet haben, der den vorherigen Alben zumindest ähnlich ist? Wären SUICIDE SILENCE besser beraten gewesen, wenn sie sich einfach einen neuen Bandnamen zugelegt hätten? Der mittlerweile leider verstorbene Sänger Mitch Lucker kann sich dazu nicht mehr äußern, allerdings trägt die Band auch eine gewisse Verantwortung ihm gegenüber.

(Band-)Namen sind Schall und Rauch?

SLAYER sollen am besten wie SLAYER klingen, das ist klar. Auch AC/DC dürfen bitte nur genauso tröten, wie eh und je – jeder Buchstabe ein Akkord. Wenn sich alle Bands daran halten würden, dann wäre „Machine Messiah“ von SEPULTURA sicher nicht so überraschend gut geworden, und auch GOJIRA hätte ihren Sound gleich gehalten und nicht weiter geöffnet. Doch gerade bei SEPULTURA fragt man sich auch öfter mal, warum die Band diesen Namen überhaupt noch trägt und ob sie ohne diesen Namen jemals bis heute durchgehalten hätten und nicht genau dieser Name sie weiterhin oben im Billing hält? Max Cavalera hätte sich mit einem klaren Schritt sicher leichter getan.

Die ambitionierte Hörerschaft wünscht qualitative Supergaus in Reih und Glied, vorhersehbare Entwicklungen – Entertainment pur. Bitte nicht allzu viele (und dann auch noch neumodische) Überraschungen, und wenn, dann nur, um im eigenen Genre wegweisend neue Pforten zu öffnen, die dann bitte auch von niemandem kopiert werden sollen.

Bitte keine eindeutigen Querverweise

Sind aber nicht genau das die Entwicklungen, die Bandmitglieder auch selbst als Musikfans durchleben und spüren lassen wollen? Richtig „einfach“ hat es eine Band dem Anschein nach nur beim ersten Album: Wenn es gefällt, wird es erfolgreich, wenn es nicht gefällt, stört es auch niemanden. Aber mit jeder neuen Veröffentlichung steigen sowohl die Erwartungen als auch die Anforderungen und die Verantwortung der Hörer gegenüber. Jede Zuwiderhandlung wird als persönlichen Affront empfunden, manche seitlichen „Ausrutscher“ betiteln manche Musiker nach vielen Jahren selbst als Schnapsideen. Ist es dabei wirklich so schwer, genau zu definieren, was ein Name, ein Markenzeichen bedeutet?

Wie, KORN bringen ein neues Album raus? Das soll, nein das muss dann aber auch bitte nach KORN klingen. Aber halt nein, nicht wie die Dinge, die man bereits kennt. Anders. Aber nur nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. P.O.D. bringen ein Unplugged-Album raus, das prinzipiell mehr mit Reggae, als mit Nu Metal zu tun hat? Ja, passt doch – das ist immerhin das, was der Sänger selbst lieber mag, ist doch verständlich.

METALLICA? Ja, das vorletzte Album war ja mal nichts. Eigentlich ja die letzten drei oder vier. Hier zählt: „Weniger ist mehr!“ Bitte zurück zu den alten Zeiten, dann sind alle glücklich. OPETH machen jetzt wirklich nur noch Progressive Rock (böse Zungen nennen es auch Classic Rock, Anm. d. Red.)? Bei denen ist das okay, wir brauchen mehr Entwicklungen! Nicht auszudenken, was wäre, wenn PARADISE LOST in den 1990ern hängen geblieben wären…

Scheint gar nicht so einfach, objektiv oder fair zu bleiben. Spätestens wenn eine der eigenen Lieblingsbands Nachschub liefert, wird es nämlich persönlich: Wie weit und in welche Richtung darf sich eine Band ändern, damit mir als Fan das Herz aufgeht? Was ist Weiterentwicklung und was Stilbruch? Wie viele Anteile Selbstverwirklichung und wie viel Marketingstrategie stecken dahinter? Klar, wenn die Bandmitglieder ihren Musikgeschmack ändern, ändert sich auch zwangsläufig der Output – sofern sie sich nicht dazu entschließen, weiterhin eine bestimmte Richtung beizubehalten. Das betrifft in diesem Fall nicht unbedingt den Erfahrungsschatz und die Komplexität der Stücke, sondern schlicht und ergreifend das Grundthema.

Ist ein Namenswechsel der einfachere Weg, um Kritik zu entkommen?

Eine Petition aufzusetzen, um die Veröffentlichung des neuen Album von SUICIDE SILENCE zu stoppen, ist pubertäres Verhalten. Und sicher auch verletzend für die Band, die mächtig viel Arbeit hineingesteckt hat, und egoistisch denen gegenüber, denen das neue Material durchaus gefallen könnte.

Bands, die ihren Stil aus welchen Gründen auch immer geändert haben, ohne ihren Namen anzupassen, hat es schon immer gegeben. Damals wie heute war das Feedback gespalten. Man denke nur an den Aufschrei, den „90125“ von YES verursachte – aus einer der großen Prog-Bands ist eine Pop-Kapelle geworden. Die Entwicklungen dahinter waren natürlich komplex und ein Stück weit auch pragmatisch – vielleicht zu pragmatisch – gedacht. Alles schon dagewesen, alles nichts Neues.

Auf wessen Seite liegt der „Fehler“?

Man kann sich sicher ein solches Szenario mal zurechtlegen, die Sache verallgemeinert darstellen: Da ist eine Band, die ihren Stil schon so ziemlich heruntergeleiert hat und die an ihm auch keinen Spaß mehr hat. Das schlimmste, was einer Band passieren kann, dass sie von ihrer eigenen Musik gelangweilt ist. Die Fans – die hartnäckigen jedenfalls – juckt das natürlich nicht.

Die feiern immer noch alles, was aus der Schmiede dieser Band kommt, und liefern letztendlich die Kaufkraft, im Gegensatz zum einstigen, harten Kern, der die Zeichen erkannt hat und längst abgesprungen ist. Aber die Band selbst ist unzufrieden, im kreativen und/oder im logistischen Sinne. Die Verkäufe nehmen trotzdem ab, die Kritiker verreißen jede Platte, oder es hat einfach durch Wechsel im Line-up derart massive Einschnitte in der Band gegeben, dass man die alte Schiene nicht weiterfahren kann, ohne dabei aneinander zu geraten. Und so kommt die Idee zustande, etwas Neues auszutesten und neue Ufer anzusteuern. Völlig legitim und das gute Recht jeder Band, die noch einen Funken Kreativität in sich trägt.

Aber genau hier wird es problematisch. In dem Moment, in dem die Band etwas anderes macht, aber das noch unter ihrem alten Namen tut, prallen die Interessen von Band (Kreativität) und Fans (Spaß an der alten Musik ihrer Helden) aneinander. Ist es in Ordnung, die Band dann wirklich als „Verräter des eigenen Erbes“ oder die aufschreienden Fans als „verklebte Ewiggestrige“ zu bezeichnen?

Die Reaktion im Fall SUICIDE SILENCE war vorhersehbar

Zurück zu SUICIDE SILENCE: Dürfen die Jungs aus Sicht der Fans überhaupt weiterhin diesen Namen nutzen? Diesen Namen, der durch bisherige Werke und Schicksale geprägt wurde? Scheint nicht so. Geht es dabei darum, aus dem ehemaligen „Hype“ die bestmöglichen Umsätze zu schöpfen? Immerhin haben somit wesentlich mehr Menschen reingehört, als wenn man einfach eine andere Band gegründet und die neue Scheibe „mit Ex-Mitgliedern von SUICIDE SILENCE“ auf dem Klebe-Etikett veröffentlicht hätte. Der Name verkauft sich eben. Aber wie lange noch und vor allem nach diesem Album? Natürlich zieht das nicht wie der real deal, und so müssen sich Band und Fans eben damit arrangieren, dass sich die Dinge von Zeit zu Zeit eben ändern.

Text von Nadine Schmidt, Tamara Deibler und Michael Klaas

08.02.2017
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