Paradise Lost
Interview mit Gregor Mackintosh zu "Tragic Idol"

Interview

Paradise Lost

Mit einer Pünktlichkeit, die einem preußischen Offizier zur Ehre gereicht hätte, klingelt an diesem Abend Ende März das Telefon und Gregor Mackintosh, seines Zeichens PARADISE LOST-Gitarrist, stellt sich trotz Interview-Marathons gut aufgelegt dem obligatorischen Plausch anlässlich „Tragic Idol„, dem überzeugenden und sicherlich viele Skeptiker überraschenden neuen Album der Briten.

 

 

Hallo Greg, wie geht es dir?

Hallo, alles bestens. Die Zeit vor der Veröffentlichung eines neuen Album ist ja immer recht spannend, wenn nach und nach die Kritiken einlaufen und man erfährt, wie die Öffentlichkeit das bewertet, womit man sich die letzten Monate oder gar Jahre befasst hat.

Dann kann ich dich beruhigen: Als Liebhaber insbesondere eurer ersten fünf Scheiben denke ich, dass „Tragic Idol“ euer überzeugendstes, da qualitativ homogenstes Werk seit „One Second“ ist. Es wirkt im Gegensatz zum Vorgänger „Faith Divides Us – Death Unites Us“ weniger plakativ hart, sondern melodischer, hymnischer – beispielsweise „Fear Of Impending Hell“ mit seiner großartigen Gesangslinie. Zusammen mit der Doom-Metal-Schlagseite ist „Icon“ wohl der treffendste Vergleich aus eurer eigenen Diskographie, oder?

Es ist nicht so, dass wir uns bewusst an einem oder mehreren alten Alben orientieren würden. Wenn ich anfange, ein neues Album zu schreiben, dann im Hier und Jetzt, völlig ohne Blicke zurück, sondern so, als ob ich das alles zum ersten Mal machen würde. Aber sicherlich kann man den Vergleich zu „Icon“ ziehen, denn das dort anzutreffende Melodische in Verbindung mit dem doomigen Einschlag charakterisiert auch unser neues Album recht treffend. Manche Stimmen fühlen sich zwar noch eher an „Draconian Times“ erinnert, aber auf jeden Fall wurden diese beiden Alben bisher fast immer als Vergleiche für „Tragic Idol“ ins Feld geführt.

 

 

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Ich war etwas überrascht, dass ihr mit dem neuen Album nicht noch härter geworden seid, immerhin war das mit jeder neuen Scheibe seit eurer selbstbetitelten im Jahre 2005 der Fall. War es eine bewusste Entscheidung, nicht noch weiter zu euren Wurzeln, zu Werken wie „Shades Of God“ und „Gothic“, zurückzukehren?

Nun, es war so, dass mein Death-Metal-Projekt VALLENFYRE mir half, bestimmte Ideen auszusortieren und mich auf die Essenz von PARADISE LOST zu konzentrieren. Es kommt schließlich nicht nur darauf an, so hart wie möglich zu klingen, sondern auch und vielleicht vor allem darauf, gute Lieder zu schreiben. Diese Kunst des Songwritings haben wir denke ich erst so wirklich in der „One Second“- beziehungsweise „Host“-Ära verinnerlicht.

Wie sieht denn dieser Songwriting-Prozess in der Band aus? Vor einigen Jahren war es so, dass Nick und du Ideen online ausgetauscht habt, bis ein Stück mehr oder weniger stand. Können die anderen Bandmitglieder sich auch noch einbringen?

Ja, der Prozess ist heutzutage immer noch in etwa der gleiche. Nick und ich schreiben die Stücke, ich starte etwa mit einer Idee beziehungsweise einem Riff, dann kommt von Nick eine Gesangslinie dazu und so entwickelt es sich dann. Letztlich prägen aber alle Bandmitglieder den PARADISE LOST-Klang. Denn ich bin weder Bassist noch Schlagzeuger, so dass die Sachen, die ich schreibe, oftmals hier und da noch einer Änderung oder Ergänzung bedürfen. Auch läuft alles demokratisch ab und wir würden keine Ideen weiterverfolgen, die dem Rest der Band nicht zusagen.

Was hat „Tragic Idol“ denn beeinflusst? Seien es andere Künstler oder irgendwelche Gegebenheiten.

Musikalisch ist „Tragic Idol“ stark von klassischem Metal und Doom Metal wie BLACK SABBATH, SAINT VITUS, CANDLEMASS oder TROUBLE beeinflusst. Von jenen Bands, mit denen wir als Jugendliche zur Musik kamen. Man verliert niemals wirklich den Bezug dazu. Da spielt sicherlich auch die Tatsache eine Rolle, dass wir in der Band mittlerweile alle über 40 sind. Vielleicht erklärt das die recht nostalgische Ader des Albums. [lacht]

 

 

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Apropos „Nostalgie“: Ihr habt euer seit eineinhalb Dekaden nicht mehr verwendetes „Icon“-Ära-Logo für das neue Werk wieder ausgegraben. Wie kam es dazu?

Das ging ursprünglich gar nicht von uns aus. Der Künstler, Valnoir [der bereits für Bands wie etwa ALCEST, BLUT AUS NORD, MORBID ANGEL, ULVER oder WATAIN gearbeitet hat, Anmerkung des Verfassers], fragte, ob er dieses Logo verwenden könnte, da es seiner Meinung nach gut zum Artwork passen würde. Wir hatten nichts dagegen.


In den letzten Wochen hast du eine Menge an Promotion für das neue Album gemacht, wie eben auch dieses Interview hier. Sind diese Dinge für dich notwendiges Übel des Musiker-Daseins oder etwas, das auch Spaß machen kann?

Sowohl als auch. Wenn du immer nur die ewig gleichen Standardfragen gestellt bekommst, langweilt es natürlich. Wenn sich dein Gegenüber aber etwas mit der Band auskennt und sich auch mit dem neuen Album befasst hat, kommt es mitunter auch zu sehr interessanten Fragen und Gesprächen.

Dann kommen wir zu einer Kategorisierungsfrage, die Musiker in der Regel nicht gerne beantworten: Wie würdest du den gegenwärtigen PARADISE LOST-Stil beschreiben? Gothic Metal? Doom Metal? Oder schlicht und einfach Heavy Metal?

Ich würde „Gothic Metal“ sagen, jedoch im ursprünglichen, damals von uns geprägten Sinne. Die neue Generation von Fans versteht darunter leider jedoch etwas völlig anderes, nämlich alles mögliche von EVANESCENCE bis MARILYN MANSON. Es ist vergleichbar mit dem von VENOM geprägten Terminus „Black Metal“ damals und heutzutage.

Nach eurer Europa-Tour im Frühjahr werden PARADISE LOST etliche Sommer-Festivals spielen, auch mit VALLENFYRE spielst du während dieser Zeit Festivals, teilweise sogar die selben. Wird es nicht hart, das terminlich und körperlich hinzubekommen?

Nun, terminlich ist das alles durchgeplant, da sollte es keine größeren Probleme geben. Was die körperliche Seite betrifft: Das werde ich am Ende des Sommers wissen. [lacht] Aber ich freue mich auf diese Herausforderung. Es ist etwas, das ich so noch nicht gemacht habe. Und es gibt da ja auch noch Adrian, für den es noch viel härter als für mich wird, denn er muss ja neben PARADISE LOST und VALLENFYRE auch noch mit AT THE GATES spielen. [lacht]

 

 

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Was darf man denn von der kommenden Setlist außer einigen neuen Stücken von „Tragic Idol“ erwarten? Ich finde es recht langweilig, Lieder wie „Say Just Words“, „One Second“, „Enchantment“ oder „As I Die“ immer und immer wieder zu hören. Klar, es sind einige eurer bekanntesten Nummern, aber ist es nicht erfrischender, auch mal andere, länger nicht berücksichtigte Lieder zu spielen? Würde es das nicht auch für euch Musiker selbst interessanter halten?

Ich stimme dir zu. Aber es ist bekanntermaßen immer eine Gratwanderung und fast unmöglich, es jedem recht zu machen. Einerseits sind etwa die von dir genannten Nummer jene, die immer die euphorischsten Publikumsreaktionen auslösen, andererseits bekommen wir einige Menge Nachrichten bezüglich der Setlist; von Leuten, die ähnlich argumentieren wie du und sich dieses und jenes wünschen. Aktuell stecken wir in der Planung und haben auch einige Nummern geprobt, die wir live länger nicht gespielt haben, etwa „Shadowkings“, „Soul Courageous“ oder „True Belief“.


Und wie sieht es mit ganz alten Sachen aus? Was ist beispielsweise mit einem „Mortals Watch The Day“ statt „Pity The Sadness“ beziehungsweise „As I Die“?

Es besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass wir „Mortals Watch The Day“ mal wieder auspacken werden. Ich mag das Stück nach 20 Jahren immer noch und wir denken derzeit ernsthaft darüber nach.


Wenn du das Tour-Paket deiner Träume schnüren könntest, welche beiden Bands sollten PARADISE LOST dann begleiten?

Hm. Müssen die Bands noch aktiv sein?

Nein.

Hm. Dann würde ich CELTIC FROST und DEAD CAN DANCE wählen.

Weil das deine Lieblingsbands sind?

Diese Bands sind sehr eigenständig und würden zusammen mit PARADISE LOST sicherlich ein spannendes Paket abliefern.

Gut. Kommen wir am Ende noch auf ein Thema abseits der Musik: Kürzlich beschäftigte ich mich ein wenig mit den blutigen Rosenkriegen, die im England des 15. Jahrhunderts tobten. Ihr kommt ja (ursprünglich) aus Yorkshire, wo etliche der großen Schlachten dieses viele Jahrzehnte andauernden Konfliktes tobten. Interessieren dich diese Dinge oder Geschichte im Allgemeinen?

Ja, auf jeden Fall. Aber ich bin da nicht auf eine bestimmte Epoche oder Region fixiert. So interessiert mich die gesamt Menschheitsgeschichte, von den Anfängen über das Römische Reich bis in die Zeitgeschichte. Auch die deutsche Geschichte finde ich sehr interessant: wie sich aus einstmals zahlreichen Stämmen und über viele Jahrhunderte ein Reich formte, das die europäische Geschichte so stark beeinflusst hat.

In welches Jahr und an welchen Ort würdest du denn reisen, wenn du die einmalige Chance einer Zeitreise hättest?

Ich würde wahrscheinlich in meine Jugendjahre zurückreisen und meinen Vater wieder sehen.

Dann wünsche ich euch viel Glück mit „Tragic Idol“ und der Tour im Frühjahr, wir sehen uns bei eurem Konzert in Köln.

Ich danke dir für das Gespräch und hoffe, dass dich unsere Setlist in Köln überzeugen wird. [lacht]

Galerie mit 14 Bildern: Paradise Lost - Summer Breeze Open Air 2018
Quelle: Gregor Mackintosh
18.04.2012

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