Fortress Festival 2026
Der große Festivalbericht

Konzertbericht

Billing: Old Man's Child, Gallowbraid, Akercocke, Misþyrming, Dødheimsgard, Vinterland, Ossaert, Abigail Williams, Fluisteraars, Mesarthim, Groza, A Forest Of Stars, Whoredom Rife, Midnight Odyssey, Aeon Winds, Black Cilice, Darkened Nocturn Slaughtercult, Vespéral, Antrisch, Darkenhöld, This Gift Is A Curse, Mortiis, Old Sorcery und Emyn Muil
Konzert vom 30.05.2026 / 31.05.2026 | Scarborough Spa, Scarborough

Das Fortress Festival – Sonntag

Erst mittags öffnen sich die Pforten des Scarborough Spa für den zweiten Festivaltag. Festivalgäste haben also mehr als genug Zeit, sich am Strand oder in der Stadt zu tummeln – natürlich nur, sofern das Cider oder Guiness am gestrigen Abend nicht allzu gut geschmeckt hat und der Blick in das Glas zu tief war.

Konzertfoto von Fortress Festival 2026

Fortress Festival 2026

Ein frühes Erscheinen ist jedoch angezeigt, will man eines der begehrten Merchandise-Artikel abgreifen, die der heutige Headliner GALLOWBRAID im Gepäck hat. So gibt es ein auf achtzig Stück limitiertes T-Shirt mit der Silhouette vom Scarborough Castle exklusiv zu erwerben. Erwartungsgemäß aber nur für sehr kurze Zeit, schnell ist der gesamte Stand leergekauft. Überhaupt das Merchandise: Kleine Verkaufsstände, häufig von den Bands selbst besetzt, schaffen eine sehr persönliche Atmosphäre. Da dauern Einkäufe häufig auch mal länger, wenn man mit den Musiker:innen ins Gespräch kommt, entsprechend lang sind die Warteschlangen meist direkt nach dem Auftritt.

Die Eröffnung in der Grand Hall erfolgt durch die englischen Avantgardisten A FOREST OF STARS. Lange waren die Engländer absent von der Bühne, doch es zeigt sich schnell, dass sie nichts von ihrer Live-Intensität eingebüßt haben. Ähnlich wie bei GROZA am Vortag ist die Main Hall schon ziemlich gut gefüllt für den Opener – die Vorfreude des Publikums scheint groß auf die vielleicht englischste aller englischen Black-Metal-Bands. Frontmann Mister Curse ist sichtlich berührt von diesem Zuspruch. Und offensichtlich blicken A FOREST OF STARS nach vorne: Drei der vier Titel des Auftritts kommen vom aktuellen Album „Stack Overflow In Corpse Pile Interface“, weitere Auftritte sind bereits angekündigt. Der Auftritt jedenfalls passt wunderbar zu der chaotisch-düsteren Musik der Band. Visuell herausfordernd ist die psychedelische Videoinstallation im Hintergrund, Mister Curse wütet und flucht sich ergänzend die Seele aus dem Leib. Und zwischendurch klingen immer wieder die entrückten Violinenklänge durch die Halle.

Galerie mit 10 Bildern: A Forest Of Stars - Fortress Festival 2026

Die amerikanischen Atmospheric-Black-Metaller ABIGAIL WILLIAMS betreten etwas unenthusiastisch die Bühne, aber das gleicht das trotz der halbwegs frühen Stunde schon zahlreich erschienene Publikum problemlos wieder aus. Vielleicht liegt es daran, dass die Band das erste Mal seit 8 Jahren im Vereinigten Königreich spielt und nach eigener Aussage keine Pläne hegt, je wieder dorthin zurückzukehren. So oder schreit sich die Band ihre gesammelten Emotionen von der Seele und bläst somit noch die letzten, hartnäckigen Kater-Reste der Fans gnadenlos weg.

Galerie mit 8 Bildern: Abigail Williams - Fortress Festival 2026

FLUISTERAARS geben einen ihrer seltenen Live-Auftritte auf dem Fortress Festival. Zwar haben die Niederländer mit ihrem 2024-Ambient-Album einen eher zwiespältigen Eindruck hinterlassen, aber der übrige Post-Black-Metal-Back-Katalog der Band ist über jeden Zweifel erhaben. Mit entspannter Gothic-Rock-Attitüde und einer aufreizenden Lässigkeit hauen FLUISTERAARS ein Set raus, das nachwirkt. Im Zentrum stehen dabei neben „Sediemt Der Impressies“ von der aktuellen EP „De Kronieken Van Het Verdwenen Kasteel – III“ zwei Tracks vom wegweisenden Album „Bloem“ und – Überraschung – mit dem Abschlusstrack „Zwarte Zomermaan“ ein Titel vom kommenden Album „Jacht Der Mysteriën“, das für den September angekündigt ist. Die Intensität ist durchgehend hoch, die Atmosphäre dicht. Somit tendiert die spontane Einschätzung nach dem Auftritt zu „Also besser kann es jetzt nicht mehr werden!“, aber da haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht, wie die weiteren Auftritte zeigen.

Galerie mit 13 Bildern: Fluisteraars - Fortress Festival 2026

Dass VINTERLAND ihr Epos „Welcome My Last Chapter“ in Gänze performen, ist ein Gourmethappen für alle Fans des 1990er-Melodic-Black-Metals. Dieses Album ist kalt, rasend und absolut erhaben. Dass sich die Band wieder zusammengefunden hat, ist ein Glücksfall, denn so gilt es, einen Auftritt zu erleben, der eindeutig in die Kategorie „Dass-ich-dass-noch-erlebe“ fällt. Unterstützt von Bildern verschneiter Waldlandschaften auf der Videoleinwand ist dieser Auftritt die Gelegenheit für alle, sich zurückzulehnen und dreißig Jahre in die Vergangenheit zu reisen. Der Sound ist jedenfalls passend glasklar, die Songs werden angemessen trocken runtergespielt. Nur gelegentlich ergreift Frontmann D.F. Bragman das Word und bekundet seine Freude, hier und heute auftreten zu können. Und auch, wenn neues Material der Band im Raum steht, dieses Album wird immer herausragen und ist live eine besondere Erfahrung.

Galerie mit 10 Bildern: Vinterland - Fortress Festival 2026

Danach kommen MISÞYRMING von der ersten Sekunde an mit beispielloser Energie und Aggressivität auf die Bühne. Noch vor zwei Jahren waren die Isländer Headliner im Ocean Room, aber sind dieses Jahr mehr als zurecht unter den Prime-Time-Slots der Hauptbühne zu finden.

Konzertfoto von Misthyrming - Fortress Festival 2026

Misthyrming – Fortress Festival 2026

Ohne Schnickschnack schreien die Bandmitglieder in wechselnden Kombinationen in ihre Mikrofone und überfahren das Publikum wie eine Dampfwalze. Dieses ist für die fast körperliche Erfahrung, MISÞYRMING live zu sehen, mehr als empfänglich, headbangt, was das Zeug hält und muss schließlich die überschüssige Energie in einen brodelnden Pit umwandeln. Was für ein Auftritt!

Galerie mit 12 Bildern: Misþyrming - Fortress Festival 2026

Und schließlich ist es soweit: GALLOWBRAID geben ihre Live-Premiere. Eigentlich als Ein-Mann-Projekt von VISIGOTH-Frontmann Jake Rogers gestartet, hat das einzige Album „Ashen Eidolon“ aus dem Jahre 2010 Kult-Status bei Fans von atmosphärischem und folkigem Black Metal erlangt. Entsprechend stark wurde dem Auftritt entgegengefiebert, erwartungsgemäß groß fällt der Applaus aus, als die Band endlich die Bühne betritt – und dieser Auftritt hält so manche Überraschung bereit. Zunächst die Zusammensetzung der Musiker: Rogers stehen die VISIGOTH-Kollegen Jamison Palmer und Matt Brotherton musikalisch an Gitarre und Bass zur Seite. Und Rogers übernimmt mitnichten die Main-Vocals, sondern konzentriert sich ganz auf den Nebengesang, seine Querflöte und die Gitarre. Der Hauptgesang nebst Keyboard fällt, so wird in einigen Foren kolportiert, dem ebenfalls im Billing vertretenen London Bertoch zu, der ansonsten als FIEF firmiert, das Drumming liefert der in Salt Lake City ansässige Musiker Xander Johnson.

Konzertfoto von Gallowbraid - Fortress Festival 2026

Gallowbraid – Fortress Festival 2026

Jedenfalls gelingt dieser bunten Truppe der wahrscheinlich sympathischste und mitreißendste Auftritt des gesamten Festivals – und das liegt nicht zuletzt daran, dass der Auftritt absolut nicht perfekt und glattgezogen daherkommt. Insbesondere Jake Rogers beweist sich als absoluter Charmebolzen: Egal, ob er gesteht, dass er total aufgeregt ist, da er zum ersten Mal live Gitarre spielt. Oder beim Laufweg über die Bühne gern mal den anderen Musikern in den Weg läuft. Oder die Querflöte umfällt oder das Mikrofon nicht eingeschaltet ist. Rogers strahlt über das gesamte Gesicht und feiert Auftritt, Mitmusiker und Publikum in geradezu kindlicher Freude.

Neben dem erwarteten Titeltrack der „Ashen Eidolon“-EP als Opener und dem krönenden Abschluss „Stone Of Remembrance“ sind sogar noch zwei neue Tracks im Set zu hören, „Leafdance“ und „Stormcloud Memories“. Dies lässt natürlich darauf schließen,  dass eine neue Veröffentlichung ansteht und damit wird die Hoffnung genährt, dass es womöglich zukünftig mehr Auftritte von GALLOWBRAID geben wird. Beides wäre sehr zu begrüßen.

Galerie mit 19 Bildern: Gallowbraid - Fortress Festival 2026

Auch am heutigen Tag gibt es wieder ein Programm im Ocean Room, das der Hauptbühne teilweise den Rang ablaufen kann. Aufgrund der für England überraschenden warmen Temperaturen, die aus dem Ocean Room am Tag vorher eine Dampfsauna gemacht haben, finden sich nach verzweifelten Meldungen der Fans heute sowohl Ventilatoren als auch weitere Sitzgelegenheiten im Raum.

THIS GIFT IS A CURSE legen einen Auftritt hin, der richtig Begeisterung auslöst. Beweis hierfür: Eine der längsten Schlangen, die es an den Merchandise-Ständen zu bestaunen gibt. Es dauert jedenfalls nicht lange, bis die Auslage ziemlich leergefegt aussieht. Bereits der Auftritt auf dem Hell Over Hammaburg 2026 hatte ja eindrucksvoll bewiesen, wie brachial und erdrückend die Schweden klingen können. Schon dort hatte die Band für eine positive Überraschung gesorgt. Und der Auftritt auf dem Fortress Festival steht dem in nichts nach.

Anschließend wird es mittelalterlich: DARKENHÖLD, Frankreichs Mittelalter- und Burgen-Black-Metal-Band Nr.1, spielen ihren ersten Auftritt in UK. DARKENHÖLD gehören zu den Bands, auf die man sich im Vorfeld des Festivals besonders freuen konnte, sind Auftritte außerhalb Frankreichs doch eine absolute Seltenheit. In Kutten gehüllt reiten die die Herren einmal quer durch ihre gesamte Diskographie, beginnend mit „Oriflamme“. Die Spielzeit vergeht wie im Fluge, der Abschluss mit „Citadel Of Obsidian Slumber“ jedenfalls kommt gefühlt deutlich zu früh.

ANTRISCH passen mit ihrer nautischen Thematik und Kostümierung wunderbar in die Location und spielen heute Abend ebenfalls ihr UK-Debüt. Eine deutschsprachige Band in England zu hören, ist sicherlich eine interessante Erfahrung, aber Fans jeder Herkunft sind Feuer und Flamme – zu recht. Sänger „Maurice Wilson“ schreit sich die Seele aus dem Leib und lässt sich auch von zwei kleinen Mikrofon-Patzern nicht aufhalten. Immer wieder verlässt er zwischendurch für kleine Interludes die Bühne und legt von Hut bis Mantel einige Kleidungsstücke ab, bis bei „Conquista – Prolog“ fast am Ende der Setlist nur noch das geisterhaft aussehende Hemd übrig bleibt, aber auch ohne diesen Service gewinnen ANTRISCH heute Abend sicher einige Fans dazu.

Mit DARKENED NOCTURN SLAUGHERCULT übernimmt eine weitere deutsche Band rund um Frontfrau Onielar, die ein hartes Kontrastprogramm zum zeitgleich im Theatre spielenden MORTIIS bietet. Bei der schwierigen Entscheidung zwischen Black Metal und Dungeon Synth fällt die Verteilung in etwa 50/50 aus und der Ocean Room ist so voll, dass die Ventilatoren wieder an ihre Grenzen kommen. Trotzdem sind DARKENED NOCTURN SLAUGHTERCULT wie immer eine körperliche Erfahrung. Onielar keift in ihrem weißen Outfit ins Publikum, beschwört den Teufel und bietet noch einmal ein letztes satanisches Highlight für das Festival.

Hinterher vermischen sich sich die Festival-Besucher:innen noch einmal, um den letzten Sonnenuntergang des Festivals vom Sun Court direkt am Wasser oder dem darüberliegenden Balkon aus anzuschauen. Nach zwei Tagen Black Metal sind die Fans trotz Dungeon-Synth-Abwechslung mehr als durchgeknüppelt, aber glücklich. Während die meisten Fans sich auf den Weg zurück in ihre Unterkünfte machen, um vor der Heimreise halbwegs ausgeruht ein letztes English Breakfast zu genießen, sind einige noch nicht bereit, sich zu verabschieden und trinken ein letztes Kaltgetränk vor der Location, um das Wochenende noch einmal Revue passieren zu lassen. See you next year, Scarborough.

Aber ein kleines Gimmick gibt es da noch: Das Theater.

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28.06.2026

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