The Midnight - Monsters

Review

THE MIDNIGHT gehören sicherlich zu den bekanntesten Vertretern des Synthwave und sind folgerichtig mit ihrem neuen Album „Monsters“ unser SynthOrDie!-Release des Monats August – urlaubsbedingt schonmal im Juli besprochen. Im Falle von THE MIDNIGHT geht der hohe Bekanntheitsgrad sogar bereits so weit, dass man sich gewissen Ausgrenzungerscheinungen ausgesetzt sieht. Wie das so ist, wenn man die Aufmerksamkeit vermeintlich nicht „Eingeweihter“ auf ein liebgewonnenes Nischen-Genre lenkt. Aber da können ja auch so einige verkaufsstarke Metal-Bands ein Liedchen von trällern.

Qualitativ bewegte sich das THE MIDNIGHT-Duo Tyler Lyle und Tim McEwan bisher beständig auf einer Stufe mit den großen CARPENTER BRUT, GUNSHIP und PERTURBATOR. Und auch wenn all diese genannten stilistisch und konzeptionell durchaus unterschiedlich daherkommen – THE MIDNIGHT tummeln sich eher an der poppig-luftigen Seite der Genreskala – so ist allen vier Projekten zu attestieren, dass sie es geschafft haben, ihre Kunst über ein Nischendasein hinaus zu bringen und ihr kleines, aber feines Genre zu beeinflussen. Fragt man allerdings mal nach DEM Synthwave-Album schlechthin, ist es nicht ausgeschlossen, dass die THE MIDNIGHT-Debüt-EP „Days Of Thunder“ oder das famose „Endless Summer“ wiederholt genannt wird.

„Monsters“ – auf in die 1990er-Jahre!

Nun kommt mit „Monsters“ also der Nachfolger zu dem erfolgreichen 2018er-Werk „Kids“. Dabei lassen die beiden Protagonisten das Setting schon am Platz: Kindheit und Jugend bleiben das zentrale Thema – oder besser der nostalgische Blick zurück auf diese Zeit. Die romantisierende Verklärung (im absolut positiven Sinne) von Jugenderinnerungen und die Erfahrung des Heranwachsens ist ja ein zentrales Motiv des Synthwave. Die nächtelange Belagerung von Spielekonsolen, das Sammeln von Action-Figuren, die Begeisterung für Kinokultur von „Karate Kid“ über „Tron“ bis „Zurück in die Zukunft“– das Rühren an den richtigen Erfahrungen ist sicherlich ein Geheimnis dieser Musikrichtung.

Beschäftigte „Kids“ sich allerdings noch schwerpunktmäßig mit den 1980ern, so geht „Monsters“ ein paar Jahre voran in die 1990er. Auf „Monsters“ sind nicht OutRun, Streets Of Rage oder Contra – die genreinspirierenden Games der Cartridge-Ära – die kulturelle Vorlage. THE MIDNIGHT nehmen uns mit auf den Siegeszug der CD, die Phase der ersten heimischen Internetverbindungen, schüchterner Jugendliebe und die Anfangszeit von Playstation und „Akte X“ – man wird zunehmend digital (auch wenn es natürlich trotzdem eine Vinyl-Edition von „Monsters“ gibt).

Mit „The Search For Ecco“ – das es abgewandelt auch als Poster auf das Cover geschafft hat – verneigen THE MIDNIGHT sich vor einem der besten Gaming-Soundtracks der 1990er, dem verträumten „Ecco The Dolphin“ für das Sega CD. „America Online“ ist eine Hommage an die neue, spannende Vernetzung des Wohnzimmer mit der großen, weiten Welt. Und „Seventeen“ nimmt den Enthusiasmus und die Begeisterungsfähigkeit der jungen Liebe zum Thema. All diese Themen werden liebevoll befasst, ohne den leisesten Einschlag von Bitterkeit: THE MIDNIGHT erwecken auch als Erwachsene gekonnt Jugendgefühle zum Leben – mit viel Einfühlungsvermögen und einer geradezu greifbaren Melancholie.

THE MIDNIGHT bleiben eine Genrereferenz – auch mit neuen Einflüssen

Das ist dann leicht rockig („Prom Night“), zurückgenommen-balladesque („Brooklyn“) oder typisch-groovend („Last Train“) – all dies klingt doch passenderweise als könnten die Songs auch auf den Soundtracks vom „My Girl – Meine erste Liebe“ oder „Ghost – Nachricht von Sam“ stehen. Der charismatische Gesang von Tyler Lyle (auch der DAFT PUNKige Stimmverzerrer fügt sich harmonisch ein), die abwechslungsreichen Songs und das gelungene Konzept machen „Monsters“ zu einem guten und absolut professionellen Album – und erfreuen die Geburtsjahrgänge um 1980 mit einer Vielzahl an Referenzen.

Dass allerdings nicht alle Titel die Faszination und Langzeitwirkung früherer Alben ausstrahlen, ist merklich: „Monsters“ zieht sich manchmal etwas in den Hintergrund zurück, seichtere Anschläge sind häufiger anzutreffen als auf den Vorgängerwerken. Die zunehmende Ergänzung um ambienthafte Zwischenstücke ist zwar grundsätzlich stimmig, allerdings wirkt „Monsters“ nicht durchgehend wie aus einem Guss und packt phasenweise nicht ausreichend zu (höre auch: „Helvetica“, „Night Skies“). THE MIDNIGHT lösen sich hier langsam, aber zunehmend von ihren ohnehin seichten Synthwave-Wurzeln in Richtung eines „Neon Pop“, ohne jedoch einen radikalen Bruch zu vollziehen – und bei allem songwriterischen Talent vollzieht sich diese Veränderung nicht gänzlich ohne Ambivalenz. Dass diese Wandlung und Öffnung zudem verstärkt Kritik und Unverständnis auslösen wird, scheint unvermeidlich.

Aber auch wenn „Monsters“ dann vielleicht doch kein genreprägendes Werk geworden ist, so ist es ein Album geworden, das der wachsenden Popularität von THE MIDNIGHT an anderer Stelle sicher keinen Dämpfer verpassen wird. Potentielle Hittitel wie die Vorab-Single „America Online“, der Titeltrack „Monsters“ oder „Dance With Somebody“ leisten sicher ihren Beitrag hierzu. Das Duo hat sein eigenes Spektrum elektronischer Musik behutsam erweitert und spielt trotz allem weiterhin in der oberen Liga des Genres. Hoffentlich dann auch bald wieder, wie unlängst angekündigt, live, denn hier kracht THE MIDNIGHT richtig.


Kein Metal und trotzdem für viele Metaller interessant: Synthwave. Die elektronische Spielart rund um apokalyptische Endzeit, Palmen in Miami und Neonreklame wird einmal monatlich auf metal.de mit einem ausgewählten Release gewürdigt. Also: Synth Or Die!

20.07.2020

Iä! Iä! Cthulhu fhtagn!

Der metal.de Serviervorschlag

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