Tons Of Rock 2018
Festival-Geheimtipp mit Top-Bands und tollem Ambiente

Konzertbericht

Billing: Gåte, Arch Enemy, Ozzy Osbourne, Alice In Chains, Helloween, Opeth, W.A.S.P., Wardruna, Kvelertak, Abbath, Exodus, At The Gates, Alestorm, Marduk, Epica, Soulfly, Gaahls Wyrd, Witchcraft, Equinox, Girlschool, In Vain, Battle Beast, Imperial State Electric, Carach Angren, Gothminister, Ragnarok, Coven, Malignant Eternal, Sibiir, The Good The Bad And The Zugly, Mantar und Tusmørke
Konzert vom 20.06.2018 | Festung Fredriksten, Halden, Norwegen

Freitag, 22. Juni 2018

Freudig haben wir uns aufs Ausschlafen eingestellt; was wir aber vergessen haben: Um diese Jahreszeit wird es selbst in Südnorwegen nicht richtig dunkel. „Macht doch mal einer das Licht aus“, dürfte dem einen oder anderen Mitteleuropäer durch den Kopf schießen, denn das stetige Gefühl zu verschlafen macht sich breit, während ein Blick auf die Uhr den Weg zurück in die Realität ebnet.

Noch einmal können wir die Schönheit und die Aussicht bei Sonnenschein genießen, und wäre es nicht zuvor schon beeindruckend genug gewesen, ist es an diesem Vormittag herrlich. Musik? Quatsch, auf den Festungsmauern oder den Klippen zu stehen und den Blick schweifen zu lassen wirkt im ersten Moment viel attraktiver – glücklicherweise lässt sich hier ja beides kombinieren.

Der musikalische Tag beginnt betont norwegisch: Da gibt es die Gewinner des Nachwuchswettbewerbs SKYBRUDD und THE GOOD THE BAD AND THE ZUGLY, aber es sind vor allem die skurrilen Folk-Progger TUSMØRKE, die Kollege Maronde ins Zelt locken. Keine Ahnung, was sie da alles auf Norwegisch erzählen: Die Menge hat aber bereits bei den Ansagen ein dickes Giggeln im Hals. Musikalisch bieten die vier Mannen um Prinz-Eisenherz-Verschnitt Benediktator und Zipfelmützenträger Krizla eine geballte Ladung folkigen Prog-Rock oder drogengeschwängerten Psychedelic Folk. Wer möchte da nicht einmal hinter die lässig getragene Sonnenbrille von Tastenmann Fenomenet Marxo Solinas gucken?

Galerie mit 6 Bildern: Tusmørke - Tons Of Rock Festival 2018

Weiter geht es mit dem leicht punkigen und ziemlich radiotauglichen Hardrock der Westnorweger SKAMBANKT, der beim norwegischen Publikum Textsicherheit offenbart. Mehr nach dem Geschmack von Kollege Wischkowski ist aber eine andere norwegische Band: LÜT gehören wieder zu den kleinen Feinheiten im Billing, die man so nicht auf dem Schirm hat. Der flotte Screamo der Norweger kommt gut an – hierzulande gibt’s die Jungs auf dem SUMMER BREEZE zu sehen, also nicht verpassen!

Exotenstatus genießen SOULFLY nicht aufgrund ihrer Herkunft, sondern aufgrund ihrer Musik. So zumindest die Annahme. Doch als „Prophecy“ erklingt, hält es das ansonsten sehr disziplinierte Publikum nicht mehr auf dem Boden. Getreu dem Motto „Jump da fuck up“ wird das Gelände zur Festival-Hüpfburg (der Chef soll übrigens mittendrin gesichtet worden sein) – da kann auch Frontrastazopf Max Cavalera nur grinsend die Bühne verlassen.

Der Chef hüpft, Max Cavalera grinst.

OPETH sind eine Macht. Die Band agiert live aber nicht mehr ganz so glanzvoll wie noch vor einigen Jahren. Liegt es an der fortschreitenden Verproggung, der schon die letzten Studioalben anheim gefallen sind? Ehrlicherweise ist das aber Meckern auf ganz hohem Niveau, denn auch an diesem Abend sind die Mannen um Mikael Åkerfeldt eine Klasse für sich. Entsprechend enthusiastisch werden „Ghost Of Perdition“ oder „Deliverance“ aufgesaugt und zurecht gefeiert.

Okkultrock, Pudelmetal und Tech-Thrash

Ex-Chef Maronde freut sich derweil auf COVEN. Gleicher Jahrgang oder so ähnlich: Die US-Amerikaner um Frontblondine Jinx Dawson haben 1969 ein ziemlich ikonisches Okkult-Rock-Album abgeliefert, auf dem recht plakativ dem Gehörnten, Hexerei und freier Liebe gefrönt wird (was danach unter dem Namen COVEN veröffentlicht wurde, war weit weniger spektakulär). Knapp 50 Jahre später bringt Jinx Dawson mit neuer Truppe das Album noch einmal auf die Bühne. Die Frontamazone wirkt dabei keineswegs wie Grandma, sondern steigt stilsicher mit Glitzermaske aus einem Sarg. Volles Gruselprogramm also. Aber auch eine musikalisch runde Sache. Fein.

Galerie mit 16 Bildern: Coven - Tons Of Rock Festival 2018

Da bieten HELLOWEEN ein ganz anderes Programm: Die Kürbisköpfe sind mit Urgitarrist und-Sänger Kai Hansen UND Michael Kiske unterwegs – und das sorgt für viele sehnsuchtsvolle Blicke. Zu Zeiten nämlich, als Pudelmetal generell und der „Keeper Of The Seven Keys“, „Future World“ und „I Want Out“ insbesonders state of the art waren. Und heute Abend sind sie das wieder: Jeder kann die genannten Songs mitsingen, jeder schüttelt das Haupt, jeder fühlt sich noch einmal wie fünfzehndreiviertel.

Eine ganze Prise Nostalgie schwingt auch beim Auftritt von EQUINOX mit. Vielleicht auch ein wenig Lokalpatriotismus. Ihr kennt die Band nicht? Die Technical Thrasher aus dem nicht weit entfernten Fredrikstad waren bis Mitte der Neunziger aktiv, haben ein paar Alben veröffentlicht, sich allerdings nach dem Aufkommen der Black-Metal-Welle aufgelöst. Heute spielen sie einen exklusiven Gig und werden von der Menge frenetisch begrüßt: Es ist richtig laut im Zelt, und die vier Musiker sind ernsthaft perplex ob des Zuspruchs. Aber hey: Sie spielen ihre Stücke souverän und mit viel Elan, und man kann sich gut in die Zeit von vor 25 Jahren zurückversetzen, als solche Musik insgesamt sehr viel angesagter war als heutzutage. Aber heute zählt nur das Hier und Jetzt, und da geben EQUINOX eine mehr als gute Figur ab.

Galerie mit 12 Bildern: Equinox - Tons Of Rock Festival 2018

Draußen vor der Mainstage ist es mittlerweile frisch geworden. Wenn aber jemand halbnackt auf der Bühne steht, ist entweder die Musik heiß oder die Stimmung am Kochen. Und im Idealfall beides. Bei KVELERTAK gehört dieses ‚beides‘ natürlich zum guten Ton: Die vielköpfige norwegische Band spielt ausschließlich Hits und wird verdientermaßen abgefeiert. Was braucht es mehr?

Halbnackt auf der Bühne, heiße Show, Stimmung am Kochen: KVELERTAK

Tusen Takk, Norge! – Unser Fazit

Das TONS OF ROCK 2018 geht zumindest in unsere Festival-Geschichtsbücher ein. Wehmut ist am letzten Festivalabend immer ein unangenehmer Begleiter, die sich in einer Mischung aus Traurigkeit und letzter Kraft seine Wege bahnt. Doch in dieser Nacht wiegt sie besonders schwer, denn nicht nur gab es erstklassige Bands zu sehen, nein, auch das Gelände und das angenehme Publikum sucht seinesgleichen.

Ein Festival, das sich wie ein Urlaub anfühlt, auch weil spontane Umarmungen und betrunkenes Angebrülltwerden hier nicht zum Alltag gehören. Ebenso wenig wie Müll – wo andernorts spätestens nach der Hälfte der Veranstaltung mühsames Müllwaten angesagt ist, herrscht hier erfreuliche Sauberkeit: Irgendwie scheint das Publikum disziplinierter zu sein als anderswo (und die aufgestellten Mülltonnen tatsächlich zu benutzen), und dann gibt es viele, viele freiwillige Helfer, die überall umherwuseln und achtlos weggeworfene Becher aufsammeln und entsorgen – wir meinen: ein Träumchen!

Den Blick schweifen lassen, die Nachtluft genießen.

Traumhaft ist auch die idyllische Atmosphäre des gesamten Events, das ungefähr genauso viel zum Ambiente beiträgt wie die erlesene Bandauswahl. Lange Schlangen an den Ständen gibt es dank eines Cashless-Systems übrigens ebenfalls nicht. Dafür haben es die Preise aber in sich. Ein Bier kostet 88 Kronen (knapp neun Euro), und wer sich etwas Erlesenes, zum Beispiel das offizielle Festival-Craft-Beer in stilsicherer TONS OF ROCK-Dose gönnen möchte, muss noch ein bisschen mehr von der Geldkarte über den Tresen wandern lassen. Da bekommt der Name der Brauerei, ‚Siste Sang‘ (dt. ‚letztes Blut‘), gleich noch eine weitere Bedeutungnuance. Aber was soll’s: Das Ganze hat auch sein Gutes, denn alkoholisiert ließe sich die Natur sicher nicht so vollumfänglich genießen – wir vermissen den Ausblick jetzt schon!

Erst TONS OF ROCK, dann Midsommar feiern

Wie geht es nach dem Festival weiter? Midsommar feiern, natürlich! Am besten mit Freunden und in der Natur – egal ob in Norwegen oder im angrenzenden Schweden (wobei uns versichert wird, dass in Schweden Midsommar noch intensiver gefeiert wird als im Land der Fjorde). Solltet Ihr also auf den Geschmack gekommen sein und dem Tons Of Rock 2019 einen Besuch abstatten wollen, plant das unbedingt mit ein.

Text: Jan Wischkowski und Eckart Maronde
Fotos: Eckart Maronde

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01.07.2018

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